OM statt on

Vor einiger Zeit habe ich begonnen, mir über meinen Smartphone-Konsum Gedanken zu machen. In einer stressigen Phase habe ich immer wieder zum Handy gegriffen und meine Tätigkeiten unterbrochen. Sogar während Treffen mit lieben Menschen habe ich heimlich aufs Display geschielt. Etwas, das ich nicht nur unhöflich finde, sondern respektlos. Und schließlich musste ich mir während der Meditation eingestehen, dass meine Fähigkeit meine Aufmerksamkeit zu lenken abgenommen und das Gedankenrauschen in meinem Kopf wieder deutlich zugenommen hatte.

 

Die Technologien, die uns eigentlich produktiver und freier machen sollten, scheinen uns immer öfter eher abzulenken und zu versklaven. Wie gehen wir achtsam damit um?

Um das viele Mails checken und WhatsApp-Nachrichten beantworten zu unterbrechen, schaltete ich mein Handy also immer öfter auf Flugmodus. Zu meiner Verwunderung machte mich das in den ersten beiden Tagen richtig nervös. Ab da wollte ich mehr über dieses Phänomen erfahren und fragte mich: Bin ich handysüchtig?

 

Wo beginnt "zu viel"?

Ich kontaktierte jemanden, der solche Fragen beantworten kann: Dr. Gabriele Fröhlich-Gildhoff, Chefärztin der Abteilung Psychosomatik in der Habichtswaldklinik in Kassel. In der ganzheitlich arbeitenden Klinik werden u.a. auch Menschen mit Online- bzw. Mediensucht behandelt. Auf meine Frage, ab wann man sich Sorgen über seinen Smartphone- oder Internetkonsum machen müsse, antwortete sie: „Spätestens dann, wenn Sie anfangen, soziale Kontakte zu vernachlässigen und wenn der Konsum exzessiv wird – also Sie 8-9 Stunden täglich online sind und ständig Ihr Handy in der Hand haben. Oder wenn Sie es abends nicht mehr schaffen, das Smartphone wegzulegen.“

 

Nach unserem Telefonat bin ich etwas beruhigt. So weit ist es bei mir noch nicht. Aber ich bin neugierig: Was führt dazu, dass heute so viele „Smombies“ (ein Kunstwort, das aus „Smartphone“ und „Zombie“ gebildet wird) durch die Straßen wandeln – den Blick selbst beim Überqueren von Straßen todesmutig aufs Display geheftet? Oder kommt es mir nur so vor, als ob immer mehr Menschen die Kontrolle über ihren Smartphone-, Social Media- und Internetkonsum verlieren?

 

88 mal pro tag lassen wir uns ablenken

Meine Recherche bestätigt mein Unwohlsein. Studien belegen, dass tatsächlich die meisten inzwischen öfter auf ihr Smartphone starren als sie ihren geliebten Menschen in die Augen schauen. Durchschnittlich schalten wir den Bildschirm unseres Handys 88 Mal am Tag ein. 53 Mal entsperren wir es dann, um mit ihm zu interagieren – also Mails zu checken, eine App zu öffnen oder im Web zu surfen. Wer meint, dass wir dafür gute Gründe haben, weil wir z.B. unseren Kontostand prüfen oder ein Busticket kaufen, den muss ich leider enttäuschen. Die überwiegende Zeit verbringen wir mit Social Media-Apps wie Facebook, Messengern wie WhatsApp oder Spielen. Und das insgesamt zweieinhalb Stunden pro Tag. Nur sieben Minuten lang benutzen wir das Smartphone im Schnitt für das, wofür es mal gedacht war: um zu telefonieren.

 

„Homo Digitalis“: unglücklich & unproduktiv

Die Auswirkungen dieses Konsums sind enorm. Denn wenn wir uns durchschnittlich alle 18 Minuten von unserem Handy bei dem, was wir gerade tun, unterbrechen lassen, dann entsteht das, was man „Sägeblatteffekt“ nennt: Nach jeder Unterbrechung müssen wir uns neu in unsere Aufgabe hinein denken und einarbeiten. Das kostet nicht nur Zeit, sondern reduziert auch unsere Produktivität und unser Lebensglück.

 

Viele Studien belegen, dass wir Menschen am produktivsten, kreativsten und zufriedensten sind, wenn wir den „Flow“-Zustand erreichen. Das bedeutet, wir führen eine zielgerichtete Tätigkeit aus, die uns fordert – aber nicht überfordert. Und wir sind mit so großer Konzentration dabei, dass wir in dieser Zeit über nichts anderes nachdenken. Um dahin zu gelangen, brauchen wir aber mindestens 15 Minuten. Wenn wir nun spätestens alle 18 Minuten unterbrechen, um „schnell was zu googeln“ oder „kurz das Handy zu checken“, dann zerstört das unseren Flow und verhindert Konzentration. Am Ende schaffen wir so relativ wenig Arbeit und fühlen uns unbefriedigt, weil wir zwar viel angefangen, aber nur sehr wenig fokussiert erledigt haben. Zurück bleibt ein Gefühl der Überforderung und Erschöpfung.

 

Multitasking gibt es nicht

Die Informationsflut, der wir unser Gehirn mit dem ständigen „online“ sein aussetzen, überfordert unser System. Denn Multitasking, auch das belegt die Wissenschaft, ist ein Mythos. In Wahrheit kann unser Gehirn nicht gleichzeitig an verschiedenen Dingen arbeiten. Durch das ständige Hin- und Herpendeln zwischen Aufgaben werden wir nicht effektiver, sondern aufmerksamkeitsgestört. Tatschlich gibt es inzwischen einen Begriff für diesen Effekt: Edward Hallowell, amerikanischer Psychiater und Dozent der Harvard Medical School, stellte fest, dass Menschen, die über einen längeren Zeitraum „multitasken“ eine Art chronisches Aufmerksamkeitsdefizit entwickeln. Die Symptome sind z.B. innere Unruhe, leichte Ablenkbarkeit, Ungeduld, Schwierigkeiten beim Prioritäten setzen und Organisieren des Alltags. Der Psychiater gab dem Phänomen den Namen „Attention Deficit Trait“ (ADT).

 

Die ständige Überreizung unseres Gehirns führt dazu, dass es in eine Art Dauer-Alarmzustand versetzt wird. Ein möglicher Grund dafür, warum sich immer mehr Menschen erschöpft, sorgenvoll und ängstlich fühlen.

 

suchterzeugende smartphones

Doch warum tun wir uns das an? Was macht unsere Smartphones so magnetisch? Nun, es ist recht natürlich, dass wir so reagieren. Man ist kein Dummkopf oder schwach, wenn das Handy eine Sogwirkung ausübt, der man kaum widerstehen kann. Denn die Hardwarehersteller und Softwareentwickler nutzen gezielt menschliche Schwächen und Instinkte, um uns an die Geräte und Apps zu binden.

Der Informatiker Alexander Markowetz beschreibt in seinem Buch „Digitaler Burnout“, was dahinter steckt: Im Grunde funktioniert ein Smartphone nicht anders als Spielautomaten. Jedes Mal, wenn wir danach greifen, löst das in unserem Gehirn einen Dopamin-Schub aus. Dopamin ist ein wichtiger Botenstoff des Nervensystems, der u.a. mit Motivation und Vergnügen in Zusammenhang steht. Zudem löst Dopamin ein Glücksgefühl aus, wenn wir Essen, Sex haben oder auch Suchtmittel konsumieren – und weckt in uns den Wunsch nach Wiederholung.

 

besonders betroffen: junge erwachsene

Smartphone-Konsum kann also tatsächlich zur Droge werden. Wir brauchen die Fähigkeit zur Selbstkontrolle, wenn wir diesem verführerischen Angebot widerstehen wollen. Manche Menschen scheinen die Kontrolle zu verlieren. Wieder frage ich die Expertin Dr. Fröhlich-Gildhoff: Was steckt dahinter, wenn jemand zum Online- oder Mediensüchtigen wird? „Wir stellen fest, das besonders häufig junge männliche Erwachsene zwischen 14 und 30 betroffen sind.“ erzählt sie im Interview. „Es scheint, dass vor allem jene die Kontrolle verlieren, die Schwierigkeiten damit haben, mit Stress und mit Frust konstruktiv umzugehen. Oft handelt es sich dabei um Personen, die keine stabilen Beziehungen innerhalb der Familie haben. Dazu kommt, dass eine Welt, die so viele Möglichkeiten bietet, manche überfordert. Das Internet bietet reizvolle Möglichkeiten, sich davon abzulenken.“

 

Am Ende stellt sich dann die Frage: Was tun? Wie behandelt man Menschen, deren Smartphone- oder Internet-Konsum entgleist ist? Erfahrene Praktizierende wird die Antwort nicht überraschen: Zum Beispiel mit Yoga. Sowohl Gabriele Fröhlich-Gildhoff als auch Alexander Markowetz sind überzeugt davon, dass die spirituelle Praxis eine Art Gegenentwurf zur Handysucht bietet. Denn statt uns über unseren Mini-Computer zu beugen, richten wir uns dabei auf und kommen wieder mit unserem Körper in Kontakt. Wir zerstreuen unseren Geist nicht mehr, sondern üben, ihn zu fokussieren. Markowetz schreibt sogar: „Yoga ist [...] ein Antikörper gegen unseren derzeitigen, unserem Geist abträglichen Lebensstil. [...] Mit Yoga können wir gezielt unsere Aufmerksamkeit trainieren und unsere geistige Gesundheit wiederherstellen.“

 

smartphone-diät halten

Und was rät Dr. Fröhlich-Gildhoff jemandem, der nicht süchtig ist, aber das Gefühl hat, dass er zum übermäßigen Konsum neigt: „Ich empfehle, sogenannte Auslassversuche zu machen, also den Konsum zeitlich zu befristen und zu beobachten, wie es einem dabei geht. Z.B. das Handy bei einem Spaziergang mal zuhause, bei einem Restaurantbesuch oder beim Warten an der Bushaltestelle mal in der Tasche zu lassen. Und dann beobachten Sie, wie sich das anfühlt,“ so die Expertin. „Es lohnt sich auch zu untersuchen, wann man nach dem Smartphone greift. Vielleicht wenn ich nervös werde? Wenn mir langweilig ist? Ich habe das Gefühl – und das halte ich für gefährlich – durch das Handy kann man die Wahrnehmung für sich ganz aufgeben. Man verliert den Bezug zu sich und die Selbstreflexion geht verloren.“

 

Ich jedenfalls bin nach diesem Artikel sensibilisiert. Mein Handy bleibt nun wieder so oft wie möglich in der Tasche und lautlos. Ich hoffe, so kann ich verhindern, doch noch zum Smombie zu mutieren.

 

 

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in: Yoga Aktuell, Ausgabe Nr. 101 (06/2016)

Foto: unsplash.com/Bence Boros

 

 

Empfehlenswerte Bücher zum Thema:

  • Alexander Markowetz: Digitaler Burnout – Warum unsere permanente Smartphone-Nutzung gefährlich ist, Droemer Knaur Verlag 2015

  • Anitra Eggler: Mail halten! – Digitale Selbstverteidigung für Arbeitshelden & Alltagskrieger, Anitra Eggler 2016

  • Lilian N. Güntsche: Achtsamkeit in digitalen Zeiten, Springer Verlag 2016

 

Zwei sehr empfehlenswerte Videos dazu:

In diesem Video von The London School of Life erklärt Alain de Botton welche negativen Folgen übermäßiger Smartphone-Konsum für unser Leben hat und warum es so verführerisch ist, Google zu befragen anstatt nach Innen zu lauschen.

Kurz & gut verständlich erklärt Dr. Dan Siegel – ein bekannter amerikanischer Psychiater, Experte für Neurowissenschaften und erfolgreicher Autor – warum wir Smartphones mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen weglegen sollten.

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