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Achtsam zuhören – was ich gelernt habe

Kennst du das Gefühl, wenn du mit jemandem sprichst und du merkst, dass er nur darauf wartet, dass du fertig bist, damit er endlich reden kann?
Oder wenn jemand eifrig nickt, aber du merkst, dass er eigentlich gedanklich woanders ist?
Vielleicht kennst du auch die Frustration, die auftaucht, wenn du jemandem anvertraust, dass du traurig bist und er sofort antwortet: „Ist doch nicht so schlimm! Kopf hoch!“

Richtig zuhören geht anders. Es ist ein Geschenk, das wir jemandem machen und eine Chance, uns mit anderen zu verbinden. Aber was macht einen guten Zuhörer aus? Und wo kommt da die Achtsamkeit ins Spiel? Ich verrate dir mal, was ich darüber weiß...

 

Die Kunst des Zuhörens

Achtsame Kommunikation beginnt beim Zuhören. Wenn ich das Gefühl habe, dass mir jemand wirklich mit offenen Ohren und einem offenen Herzen lauscht, dann fühle ich mich nicht nur gehört, sondern auch gesehen. Vielleicht sogar verstanden, verbunden. Nur Anfänger glauben, dass Zuhören etwas ist, das jeder kann. In Wahrheit ist es große Kunst – zumindest in einer Welt, in der uns gern vermittelt wird, dass es darum geht, lauter zu schreien als alle anderen, um gehört zu werden. Und in der Stille ein mulmiges Gefühl bei den meisten erzeugt.

Ich bin was das Zuhören angeht wahrscheinlich nicht mehr blutige Anfängerin, aber ganz bestimmt noch kein Maestro. Ich glaube, ich bin schon deutlich geduldiger und achtsamer geworden. Aber manchmal unterbreche ich immer noch mein Gegenüber, weil es mit mir einfach durchgeht. Weil mir so viel dazu einfällt, worüber wir sprechen, und meine Begeisterung oder mein ideenreiches Hirn meine Achtsamkeit kidnappen.

 

In verbundenheit ratlos sein

Eine Sache, die ich immer besser beherrsche, ist mein Helfersyndrom im Zaum zu halten. Denn ich erlebe es selbst immer öfter als frustrierend, wenn jemand sofort mit einem guten Rat oder einem aufmunternden Spruch daherkommt, wenn ich ihm schildere, was mich gerade beschäftigt oder was ich fühle. Ich fühle immer deutlicher, dass das oft damit zu tun hat, dass mein Gegenüber selbst nicht gut aushält, wenn ich z.B. ärgerlich, überfordert oder traurig bin. Manchmal bringt das den Zuhörer mit seiner eigenen Melancholie, Wut oder Hilflosigkeit in Kontakt. „Also schnell her mit dem Lösungskleister – alles sofort schön zuspachteln, damit es mir nicht unangenehm ist, wie es dir geht... naja, eigentlich wie es mir geht!“

Ich wünsche mir wirklich, dass meine Vertrauten nicht gleich die Lösung für meine Probleme servieren oder sofort eine Antwort parat haben (außer ich bitte darum) – sondern einfach mal mit mir gemeinsam ratlos sind. Dass wir in Verbundenheit dasitzen und zusammen mit den Schultern zucken können. Dass jemand einfach sagt: „Aha, so ist das grad bei dir. Ich seh dich, ich hör dich. Ich find dich okay. Ich kann verstehen, dass du dich so fühlst. Das ist grad nicht leicht, hm?“

Und damit meine ich übrigens Empathie und Mitgefühl – nicht Mitleid. Zwei meiner Heldinnen haben die perfekten Worte gefunden, um den Unterschied zu beschreiben:

„Wenn wir also üben, Mitgefühl hervorzubringen, dann müssen wir uns mit unserer Furcht vor dem Schmerz auseinandersetzen. Die Praxis des Mitgefühls ist etwas für Unerschrockene. Dazu gehört, dass wir uns entspannen lernen und uns erlauben, näher an das heranzukommen, was uns Angst macht... Mitgefühl ist keine Beziehung zwischen dem Heiler und dem Verwundeten. Es ist eine Beziehung zwischen Gleichen. Nur wenn wir unsere eigene Dunkelheit gut kennen, können wir für die Dunkelheit eines anderen präsent sein. Mitgefühl wird dann wirklich, wenn wir uns unseren gemeinsamen Menschseins bewusst werden.“

(Pema Chödrön)

„Als stärkstes Werkzeug des Mitgefühls ist Empathie eine emotionale Fähigkeit, die uns erlaubt, auf andere sinnvoll und fürsorglich zu reagieren. Empathie ist die Fähigkeit zu verstehen, was jemand erlebt, und dieses Verständnis widerzuspiegeln. Hier sei angemerkt, dass Empathie heißt zu verstehen, was jemand fühlt, und nicht, es für ihn zu fühlen. Wenn jemand sich einsam fühlt, verlangt Empathie nicht von uns, uns auch einsam zu fühlen, sondern nur, auf unsere eigene Erfahrung mit Einsamkeit zurückzugreifen, damit wir den anderen verstehen und mit ihm Verbundenheit entwickeln können. (...)
Mitleid entfernt uns voneinander... Statt das starke „Ich auch“ der Empathie zu vermitteln, kommuniziert er: „Ich nicht“, und fügt dann hinzu: „Aber es tut mir für dich leid.“ Mitleid löst eher Scham aus, als dass es sie heilt.“

(Brene Brown)

 

Ohren & herzen auf: 3 Tipps für mehr Achtsamkeit

Vor Kurzem habe ich auch ein Seminar zum Thema „Interpersonelle Achtsamkeit“ im Rahmen meiner Weiterbildung besucht, darum beschäftigt mich das Thema gerade sehr und ich hab dort sehr deutlich gemerkt, welchen Unterschied es macht, wenn mein Gegenüber eine achtsame Haltung einnimmt. Wir haben folgende Dinge geübt:

 

1. bleib offen & neugierig

Wir neigen so schnell dazu, ein Urteil zu fällen, zu bewerten und Dinge in Schubladen zu stecken. Das ist nichts Schlechtes, sondern hilft uns in vielen Situationen dabei, gut durchs Leben zu kommen. Aber es verhindert manchmal auch, dass wir unserem Gegenüber wirklich zuhören und auch die Zwischentöne bemerken. Oder führt dazu, dass wir eine Antwort geben, bevor wir wirklich verstanden haben, was die Frage ist (und ob überhaupt eine gestellt wurde). Vielleicht, weil du deine Freundin schon gut kennst, und zu wissen meinst, was jetzt gleich kommt. Oder weil du Ähnliches schon selbst erlebt hast und in dieser Sache Bescheid weißt (oder das zumindest glaubst).
Versuch mal deine innere Festplatte zu löschen und mit Interesse, Unvoreingenommenheit und offenem Herzen zuzuhören – so als hättest du noch nie etwas über diese Sache gehört. Bleibt auf Augenhöhe und stell dich nicht über den anderen, indem du es besser zu wissen meinst. Vielleicht forscht ihr gemeinsam bis die Antwort im anderen auftaucht.

 

2. Bleib mit dir in Kontakt

Versuch während des Zuhörens auch achtsam zu bleiben für deine eigenen Empfindungen und Reaktionen, die vielleicht auftauchen. Macht sich irgendwo in deinem Körper eine Resonanz auf das Gehörte bemerkbar? Bekommst du einen Knoten im Bauch oder klopft dein Herz schneller? Macht es dich traurig, betroffen, wütend, freudig, aufgekratzt? Gibt es einen Impuls, der auftaucht – und kannst du ihn einfach wahrnehmen ohne ihn sofort auszusprechen, zu reagieren oder zu handeln? Wenn du dazu neigst, die Probleme anderer sofort lösen oder helfen zu wollen: Kannst du diesen Wunsch einfach fühlen und da sein lassen? In dem Vertrauen, dass du dem anderen schon durch dein Zuhören und Dasein ein wundervolles Geschenk machst?

 

3. bleib verbunden

Besonders wenn wir mit Nahestehenden kommunizieren, die mit einem falschen Wort unser „Knöpfe“ drücken können – mit Eltern oder dem Partner – dann kann es sein, dass wir sehr schnell im Kampfmodus sind und den anderen als Gegner wahrnehmen. Mir hilft es dann, mich immer wieder daran zu erinnern, dass ich fest davon überzeugt bin, dass wir alle immer das Beste tun, das uns in diesem Augenblick möglich ist (was nicht heißt, dass wir uns nicht in einem nächsten Moment entwickeln können). Oder wie es die beeindruckende Poetin Maya Angelou formuliert hat: „If we knew better, we would do better.“ Ich versuche nicht zu vergessen, dass alle Wesen auf diesem Planeten glücklich sein wollen – auch mein Gegenüber, auch in diesem Moment. Das verbindet uns zu jedem Zeitpunkt. Wenn ich mich daran erinnere, dann beginnt meine innere Verhärtung zu schmelzen und ich kann versuchen, mich in den anderen und seine Perspektive einzufühlen bzw. danach zu fragen.

 

Zuhören wie momo

Besonders schön hat Michael Ende in "Momo" formuliert, was echtes Zuhören bewirken kann:

 

"Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war das Zuhören.

Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur recht wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.

 

Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte – nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme.

Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm plötzlich Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten.

 

Sie konnte so zuhören, dass ratlose, unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten.

Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten.

Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden.

 

Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf denen es überhaupt nicht ankommt, und er ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf – und er ging hin und erzählte das alles der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war.

So konnte Momo zuhören!"

 


Wenn du Lust hast mir von deinen Erfahrungen mit dem Zuhören zu erzählen, dann ab in die Kommentare damit – ich freue mich, von dir zu lesen und lausche gespannt...

 

 

Foto: unsplash.com/Jorge Flores

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Meinen Körper lieben lernen: Was wirklich hilft

Ich möchte mich verlieben! Aber nicht in einen Traumprinzen – sondern in meinen Körper. Darüber habe ich hier ja schon vor Kurzem berichtet. Denn ich erwische mich immer noch oft genug bei Gedanken, die so oder so ähnlich lauten: "Wenn ich nur beweglicher/dünner/jünger wäre, dann wäre ich glücklicher/verliebt, verlobt oder verheiratet/eine bessere Lehrerin."

Vielleicht ist dir diese Art zu denken auch vertraut? Tara Brach, eine von mir sehr geschätzte Lehrerin, nennt sie: "If only..."-Mind. Eine wirksame Methode, sich verlässlich und unverzüglich schlechter zu fühlen und erstklassiges Benzin für die Selbstoptimierungs-Maschine.

Ich übe also, diese Gedanken, wenn sie auftauchen, möglichst bald wieder ziehen zu lassen. Und mich meinem Körper stattdessen freundlich, fürsorglich und sanft zuzuwenden. Was mir dabei hilft und was ich für nicht so hilfreich halte, darum soll es heute in diesem Blogpost gehen...

 

immer schön bei der wahrheit bleiben

Ja, ich glaube fest daran, dass wir alle – auf unsere ureigene Art – schön sind. Mir ist noch kein Mensch begegnet, an dem ich nicht etwas gefunden hätte, was mir gefällt: Augen, Beine, Hände, ein Lächeln oder die Art, wie jemand sich bewegt oder spricht. Ich glaube also auch: Ich bin schön. Du bist schön.

 

Woran ich aber nicht glaube sind positive Affirmationen. Also die Methode: Stell dich vor den Spiegel und sag dir jeden Tag wie schön du dich findest/dass du dich liebst. Irgendwann wird es dann auch wahr.

 

Ich weiß, das viele Bücher und Experten solche Methoden empfehlen. Für mich haben sie nie funktioniert. Noch bevor ich solche Sätze zu Ende gesprochen habe, rollt in mir etwas mit den Augen. Mag sein, dass es mein innerer Kritiker ist, der sowieso kein gutes Haar an mir lässt. Neben ihm steht aber auch freundlich nickend meine innere Weisheit – denn sie weiß, dass ich mir das nicht glaube.

 

Übrigens geht das nicht nur mir so: Studien haben gezeigt, dass positive Affirmationen auch nach hinten los gehen können. So sollte sich z.B. eine Gruppe von Menschen immer wieder den Satz vorsagen "Ich bin ein liebenswerter Mensch". Das Ergebnis war, dass er jenen Menschen gut getan hat, die ohnehin positiv über sich dachten. Wer eher ein negatives Selbstbild hatte, bei dem wurde die Stimmung noch gedrückter – denn er wusste ja, dass der Satz in Wirklichkeit nicht zu seiner inneren Überzeugung passte. (Mehr über die Studie findest du in dem Buch "Sei nicht so hart zu dir selbst" von Andreas Knuf)

 

Ähnliche Erfahrungen machen einige Menschen, wenn sie etwas Schwieriges erleben und andere sagen: "Nimms doch nicht so schwer!". Manchmal mag dies hilfreich sein. Andere Male fühlt man sich dann auch noch schlecht und schuldig, weil es eben nicht gelingt, die Sache leicht zu nehmen. Wir fühlen uns dadurch verantwortlich für die Gefühle, die wir haben – obwohl wir diese nicht einfach "machen" können wie wir wollen.

 

Ich bin fest überzeugt, dass Sätze, die wir uns selbst sagen, glaubwürdig sein müssen, damit sie wirken können. Wenn du also deine Haare/dein Lächeln/deinen Bauch wirklich magst, dann erinnere dich daran so oft wie möglich - yay! Aber ich denke nicht, dass es funktioniert dich jeden Tag vor den Spiegel zu stellen und dir etwas vorzusagen, woran du eigentlich nicht glaubst. Ich mache das schon lange nicht mehr. Ich ziehe es vor, nicht mehr im Widerstand zu sein mit der Realität.

 

dankbarkeit ist (m)ein zaubertrank

Wenn der Kampf wirklich aufhören soll, dann gilt es, zu akzeptieren, was ist. Für mich gehört dazu auch, jene Momente anzunehmen, in denen ich mich überhaupt nicht liebhaben kann wie ich bin. Und mich dann auf die Suche zu machen nach Worten oder Übungen, die mir helfen, zärtliche, sanfte, warme Gefühle in mir wachzurufen. Zum Beispiel kann ich Mitgefühl mit selbst haben - weil es wehtut, wenn mein innerer Kritiker erbarmungslos über mich herfällt. Oder - der Joker unter den Übungen - ich versuche es mit Dankbarkeit.

 

In der Glücksforschung hat sich gezeigt, dass es kaum etwas gibt, dass unsere Lebensqualität so erhöhen kann, wie das Kultivieren von Dankbarkeit. Und kaum etwas eignet sich dafür so gut wie unser Körper.

 

"Waaaaas?" murmelst du jetzt vielleicht etwas ungläubig in dich hinein. Und ich sage noch einmal: Es gibt wenig wofür wir so dankbar sein können wie unseren Körper. Für mich reicht es schon, mich mit meinem Herzschlag zu verbinden - und schon fällt meine Kinnlade wieder staunend nach unten: Dieser kleine, unerbittliche Muskel schlägt und schlägt und schlägt... Ohne dass ich daran denken oder irgendetwas dazu tun muss, hält er mich am Leben. Selbst als ich das Leben nicht mehr besonders mochte, blieb er beharrlich und wusste, dass es weitergeht. 

 

Manchmal danke ich auch meinen Füßen, die so klein sind im Vergleich zu meinem restlichen Körper und mich so verlässlich überall hin tragen. Meinen Händen – ohne die ich diese Zeilen nicht schreiben oder meine Ideen nicht zur Wirklichkeit machen könnte. Meiner Haut, wenn eine Wunde so wunderbar und irgendwie magisch innerhalb von wenigen Tagen heilt und verschwindet. Ich danke meinen Lungen, wenn ich spazieren gehe und die feuchte, harzige Waldluft tief einatmen darf. Und jedes Mal, wenn ich auf dem Kissen sitze und meinen Atem beobachte, dann danke ich ihm, dass er mich treu begleitet – von meiner Geburt bis zu meiner letzten Minute – und ein Anker ist, an dem ich mich immer festhalten kann.

 

Wenn ich mir das Wunder bewusst mache, das dieser Körper ist - so komplex, eingespielt, intelligent, fragil und wunderschön - dann erscheint es mir geradezu albern, dass ich ihn manchmal in eine bestimmte Form pressen oder seinen Wert anhand einer Waage bestimmen will. Dann bin ich voller Liebe und Dankbarkeit.

 

The Lovestory continues...

And she lived happily ever after? Nein, da bin ich noch nicht. Aber das Klima in meinem Inneren wird zunehmend wärmer. Die Suche nach funktionierenden Wegen zu mehr Selbstliebe bzw. -akzeptanz geht weiter und natürlich halte ich dich hier darüber auf dem Laufenden, was für mich gut funktioniert und was weniger. Ich kann dir nur empfehlen, immer selbst auszuprobieren, was für dich stimmt, eigene Erfahrungen zu sammeln und dir dabei zu vertrauen.

Denn wenn ich etwas wirklich gelernt habe, dann (unter anderem):

 

Es gibt nicht den einen Weg. Es gibt nur deinen Weg. Es führt keine Umleitung daran vorbei, herauszufinden, was einem gut tut und was nicht. Niemand kann uns das abnehmen. Aber das ist ja noch so ein Wunder, für das wir dankbar sein dürfen: Alle Antworten liegen in uns. Wir brauchen keinen Guru, keinen magischen Schlüssel, kein 400 EUR-Webinar. Sie alle mögen uns ein Stück begleiten und vielleicht auch hilfreiche Wegweiser sein. Aber niemand setzt die Schritte für uns und niemand weiß besser, welcher unser Weg ist als wir selbst.

Das ist doch mal ein Happy End.

 

 

Foto: unsplash.com/Annie Spratt

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Welche Geschichte erzählst du dir?

Es war einmal eine Frau, die lebte unter Prinzessinnen. Doch wann immer sie versuchte, sich ein Krönchen zu verdienen, gelang es ihr nicht. Denn sie war viel zu unvollkommen, um auch zur royalen Gemeinschaft zu gehören.

 

So oder so ähnlich geht eine Geschichte, die ich mir früher oft erzählt habe. Oder hier die Kurzfassung einer Freundin, die mich schon sehr lange kennt: „Du bist blau und schleimig und alle anderen grün und glitzernd.“

 

Nicht besonders schön und ganz bestimmt keine Gute-Nacht-Geschichte zum Wohlfühlen und Einmummeln. Aber ich habe sie mir dennoch erzählt und zwar weil es zutiefst menschlich ist, das zu tun. Unser Geist erzählt uns unaufhörlich Geschichten – über das Leben, über andere, über uns.

 

Zum einen, weil es einfach das ist, was er tut: So wie die Lunge atmet und die Speicheldrüsen Speichel produzieren, fabriziert unser Gehirn eben Gedanken.
Zum anderen helfen uns Geschichten dabei, uns im Leben besser zurecht zu finden. Gerade in herausfordernden Situationen kommen wir oft in Kontakt mit unserer Unsicherheit, Verletzlichkeit und mit der Unberechenbarkeit und Unkontrollierbarkeit des Lebens. Es ist natürlich, dass wir dann Halt suchen – und zwar so schnell wie möglich.

 

Die unsicherheit nicht spüren müssen

Erklärungen und Geschichten geben uns Halt. In ihnen gibt es gut und böse, richtig und falsch, klare Ziele, einen Schuldigen. Sie geben den Dingen, die geschehen, einen Sinn. Unser Gehirn belohnt uns sogar dafür: Wenn wir so etwas wie ein Muster erkennen, etwas einordnen können, dann gibt’s dafür eine Dosis Dopamin (ein Glückshormon, dass unseren Antrieb steigert). Wir fühlen uns besser und haben das Gefühl, die Dinge im Griff zu haben.

Das Geschichtenerzählen ist also eine verständliche Strategie unseres Geistes. Leider gibt es da ein Problem: Es ist nicht immer wahr, was wir uns da erzählen. Manchmal handelt es sich eher um Märchen.

 

So wie meine ehemaligen Lieblingsgeschichten: „Ich bin schuld“ und „Ich bin nicht gut genug“. Natürlich sind sie alles andere als wahr. Einst haben sie vielleicht Sinn gemacht: Kinder geben sich oft die Schuld für Dinge, weil die Erkenntnis, dass Bezugspersonen nicht immer verlässlich und gut sind, zu bedrohlich wäre. Wenn sie die Liebe, die sie brauchen, nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen erhalten, dann beginnen sie sich irgendwann zu erzählen: „Ich bin halt nicht gut genug – ich muss mich mehr anstrengen“.

Heute werde ich immer hellhörig, wenn in meinem Inneren das schleimig-blaue Gefühl auftaucht und mein Gehirn Sätze ausspuckt wie: „Du bist das Problem/Du bist (allein) schuld!“ Nicht, weil ich mich weigere, Verantwortung für meine Fehler zu übernehmen. Sondern, weil ich verstanden habe, dass die Dinge eben oft komplexer sind, ich kein Problem bin, das es zu lösen gilt, und ich mir auch nicht jeden Schuldschuh anziehen sollte, den mir irgendjemand hinhält.

Es kann also sehr hilfreich sein, sich die Geschichten, die man sich – oft ganz reaktiv – vorsagt, einmal unter die Lupe zu nehmen. Warum?

Weil wir so „Schlüsselerkenntnisse darüber gewinnen, wer wir sind und wie wir anderen begegnen.“ (Brene Brown in "Laufen lernt man nur durch Hinfallen")

Weil wir das, was der Kommentator in unserem Kopf so labert,  zu oft für bare Münze nehmen und unsere Grübeleien, Urteile und Sorgen gerne mit der Realität verwechseln. Und so hat unser Gedankenstrom auch eine enorme Wirkung auf unsere Stimmung, unser Verhalten, unsere Identität, ja unser gesamtes Leben.

 

Den Gedankenstrom achtsam wahrnehmen

Was hilft uns dabei, uns nicht mehr Bären von unserem Geist aufbinden zu lassen? Achtsamkeit! Durch die Praxis lernen wir, Gedanken, die in unserem Geist auftauchen, oder Erfahrungen, die wir machen, wahrzunehmen – ohne uns sofort mit ihnen zu identifizieren oder uns in einer gewohnten Story zu verstricken. So wird uns allmählich bewusst, was wir überhaupt so vor uns hindenken und welche Lieblingsgeschichten wir im Standardrepertoire haben.


Ein Beispiel: Wenn du regelmäßig Nackenschmerzen hast, dann erzählst du dir wahrscheinlich irgendwann eine Geschichte über deinen Nacken, die mit Schmerzen und unangenehmen Erfahrungen zu tun hat. Aber das stimmt nicht immer mit deiner realen Erfahrung im Moment überein. Es gibt ganz bestimmt auch schmerzfreie Phasen – die du mit etwas mehr Achtsamkeit nicht verpasst.

 

Neubewertung durch Schreiben

Eine andere gute Strategie ist das Schreiben. Besonders, wenn uns eine Situation aufwühlt oder herausfordert und wir geneigt sind, reaktiv zu handeln (z.B. jemanden zu beschuldigen – und sei es uns selbst), kann es hilfreich sein, sich hinzusetzen und alles ungefiltert aufzuschreiben, was in uns vorgeht. Das kann in ganzen Sätzen oder Stichworten geschehen, da gibt es kein richtig oder falsch. Ein guter Einstieg könnte sein: „Die Geschichte, die ich mir gerade erzähle ist...“

Brene Brown empfiehlt, wirklich alles – auch die fiesen Dinge, für die wir uns schämen – aufs Papier zu bringen und dann, wenn sich die Emotionen etwas beruhigt haben und wir klarer sehen können, an die Neubewertung zu gehen. Fragen, die man sich dabei stellt, können z.B. sein:

  • Was weiß ich objektiv über die Situation? Was weiß ich wirklich? Wie lauten meine Annahmen?
  • Was gibt es noch über die Menschen, die beteiligt sind, zu wissen? Was gilt es zu klären? Welche Fragen könnten helfen, sie besser zu verstehen?
  • Was liegt meiner Reaktion zugrunde? Was fühle ich wirklich? Was kann ich noch über mich selbst wissen und verstehen?

Das Schreiben und Neubewerten kann uns wirklich dabei helfen, mehr über uns und unsere Geschichten zu erfahren und dadurch weiser, mutiger und anders als gewohnt zu handeln. Wir glauben nicht mehr jedes Märchen, das wir uns erzählen und schreiben neue Geschichten in unser Leben hinein. Zum Beispiel, das wir schon immer gut genug waren und wir Königinnen, nicht Prinzessinnen sind.

 

 

Hast du Lust deine Geschichten zu entdecken und zu erforschen?

Dann ist vielleicht der Retreat "Seelenzeit" mit der wundervollen Laya Commenda und mir im Juli 2017 etwas für dich!

Dort werden wir uns viel Zeit nehmen, um in uns hinein zu lauschen, Achtsamkeit zu üben und aufzuschreiben, was uns bewegt.

 

Es gibt noch wenige Plätze!

Mehr Infos & die E-Mail-Adresse zur Anmeldung findest du hier.

 

 

Foto: unsplash.com/Brooke Cagle

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Warum Selbstmitgefühl kein Zuckerguss ist

Ein Vorurteil, dem man immer wieder begegnet, wenn es um Achtsamkeit und Selbstmitgefühl geht, ist, dass Menschen Angst davor haben, dass sie "lasch" werden, wenn sie zu freundlich zu sich sind. Viele denken, wenn sie nicht immer schön die Peitsche schwingen im Umgang mit sich selbst, dann liegen sie nur noch selbstgefällig und -genügsam auf der Couch und finden sich dabei völlig prima. Über jedes Problem kommt dann Selbstmitgefühl als Zuckerguss: Och, nicht so schlimm. Da kann ich aber nix dafür, muss an den anderen liegen. Ich gönn mir noch eine Runde Selbstmitleid. Ziele? Brauch ich nicht mehr.

Doch das hat mit Achtsamkeit & Selbstmitgefühl wenig zu tun: Wenn wir klar sehen und annehmen, was gerade wahr ist, bedeutet das auch, Verantwortung zu übernehmen

Achtsamkeit heisst hinschauen, was wahr ist

Wer denkt, dass eine regelmäßige Praxis dazu führt, dass man sich nur noch auf dem Ruhekissen Achtsamkeit zurücklehnen kann, den muss ich leider enttäuschen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Für mich bedeutet das Innehalten und Hinschauen auch immer wieder, unerschrocken und ehrlich zu sehen, was gerade da ist. Was gerade wahr ist. Und das ist nicht immer schön und angenehm süß. Achtsamkeit ist eben keine Wohlfühl- oder Entspannungspraxis (auch wenn sie über die Zeit zu mehr Wohlbefinden und Gelassenheit führt). Mit dem zu sein, was gerade ist, kann auch bedeuten, sich mit Wut, Angst oder Traurigkeit aufs Kissen zu setzen. Es bedeutet, ganz ehrlich mit sich zu sein – und das heißt manchmal auch, sich einzugestehen, dass man auf den Holzweg abgebogen ist.

 

Ich hab das selbst gerade wieder hautnah erfahren: Vor Kurzem bin ich zu einem weiteren Seminarblock meiner Achtsamkeitsweiterbildung gefahren. Ich wusste, dass mich intensive Tage der Praxis erwarten und hatte ein wenig Bauchgrummeln deswegen, weil ich schon ahnte, was mir dann begegnen würde: meine Erschöpfung. Ich habe in den letzten Wochen wieder einmal viel zu viel gearbeitet und bin über meine Grenzen gegangen. Mir war klar, dass ich im Seminar nicht mehr davor davonlaufen konnte und, dass ich auch all den unangenehmen Gefühlen in die Augen schauen würde müssen, die das in mir auslöst. Zum Beispiel der Scham darüber, dass es mir als Achtsamkeitslehrerin auch immer noch passiert, dass ich unachtsam mir selbst gegenüber bin, und manche Runde auf dem Karussell des Lebens eben mehrmals drehe (...komisch, ich bin wohl immer noch ein Mensch ;)).

 

Verantwortung übernehmen

Die Achtsamkeitspraxis ist für mich ein sicherer Ort, wo alles sein darf wie es ist – eben weil ich weiß, dass ich mir selbst dabei freundlich, offen und mitfühlend begegne. Wenn meine erbarmungslose innere Kritikerin mit der Bratpfanne wedelt, dann fällt es mir eher schwer, mir Unangenehmes einzugestehen. Aber mit dem notwendigen Selbstmitgefühl konnte ich meine Erschöpfung in ihrem ganzen Ausmaß spüren, fürsorglich mit mir sein und mir eingestehen, dass ich mal wieder zu sehr funktionieren wollte. Und dabei ist mir wieder sehr deutlich geworden, dass diese Praxis für mich auch bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Die volle Verantwortung dafür, wie es mir geht. Solange ich weiter im Hamsterrad meine Runde gedreht habe, konnte ich über vieles gar nicht nachdenken, Gefühle wegdrücken, vor mich hinjammern und – weitermachen. Als ich innegehalten und wahrgenommen habe, was gerade bei mir los ist, da wurde mir klar, dass dieses ehrlich Hinschauen auch von mir verlangt, jetzt entsprechend zu handeln und für mich zu sorgen. Ich kann dir sagen, das war alles andere als zuckersüß!

 

Nun, wenn du jetzt denkst, das ist halt meine persönliche Geschichte, dann kann ich dir zum Abschluss noch Folgendes mitgeben: Es gibt inzwischen einige Studien, die ganz klar belegen, dass Achtsamkeit und Selbstmitgefühl uns nicht einlullen und untätig machen, sondern dass wir – ganz im Gegenteil – viel eher zu Veränderungen in der Lage sind, wenn wir uns dabei selbst liebevoll begleiten anstatt uns mit fieser Kritik, Drohungen und Durchhalteparolen vor uns herzujagen. Wie heißt es so schön: "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht." Düngen und pflegen wirkt da schon eher. Dann können wir richtig aufblühen.

 

 

Foto: unsplash.com/Thomas Kelley

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Nachhause kommen in den Körper

Ich bin immer noch sehr bewegt: Heute habe ich den Film "Embrace" gesehen – vielleicht hast du schon davon gehört. Die Dokumentation der Australischen Fotografin Taryn Brumfitt (der von Nora Tschirner mit produziert wurde) befasst sich mit der Frage, ob und wie Frauen lernen können, ihren Körper zu lieben – so wie er ist.
Ich wusste, dass ich diesen Film unbedingt sehen will, denn eine Frage treibt mich seit Jahren intensiv um: Was würde geschehen, wenn wir Frauen all die Zeit, Energie und Gedankenkraft, die wir in unsere Schönheit bzw. das Herummäkeln an unserem Körper stecken, in etwas anderes investieren würden? Unsere Ideen, unsere Taten, unsere Beziehungen, unsere Schöpferkraft?
Ich glaube wir würden Atemberaubendes in die Welt bringen...

Hauptsache schön?

Schon im Trailer von "Embrace" spricht Taryn Brumfitt etwas an, was mich immer wieder beschäftigt: Warum denken wir Frauen oft immer noch, dass schön/attraktiv zu sein, das Wichtigste für uns ist? Das Größte, was wir erreichen können? Wo wir doch so wunderbare Dinge tun, erschaffen, sein können? Wenn wir doch schon liebenswert und fabelhaft sind?

 

Ich kenne viele großartige, kreative, inspirierende, kluge, kraftvolle, visionäre, liebevolle, mutige, starke Frauen - und es ist kaum eine darunter, die sich nicht (zu) viele Gedanken darüber macht, ob sie schön genug ist. Die man nicht nachts jederzeit wecken könnte und sie würde einem noch im Halbschlaf ihre Makel aus dem Ärmel schütteln. Die eigene Größe dagegen, die Schönheit, die in ihrer Power, ihrer Leidenschaft, ja sogar ihren "Makeln", die sie so einzigartig machen, liegt – blinde Flecken für die meisten von uns...

 

Ich will lernen, diesen Körper zu lieben

...ja uns. Das Thema bewegt mich so, weil ich es selbst gut kenne. Auch ich bin habe früh gelernt, den eigenen Körper kritisch zu betrachten, abzuwerten. Immer ein "zu" auf den Lippen – zu groß, zu dick, zu breit, zu wabbelig, zu wenig hiervon, zu viel davon.

Auch ich habe einst verlernt, in meinem Körper zu wohnen, ihn von innen heraus zu fühlen, und stattdessen begonnen, ihn nur noch von außen zu beäugen. Eine Essstörung führte zu massiven Gewichtsschwankungen in meinen Zwanzigern - mal war ich pummelig, mal untergewichtig. Die einzige Zeit, in der ich nicht darüber nachgedacht habe, noch dünner werden zu wollen, war als ich so traurig war, dass ich nicht mehr essen konnte. Es fühlte sich also alles andere als "perfekt" an.

 

Seit Jahren übe ich, mit meinem Körper Freundschaft zu schließen. Ich bin einige Schritte auf diesem Weg gekommen – vor allem meine Selbstmitgefühls-Praxis und ein veränderter Blick auf Yoga haben mir dabei sehr geholfen. Heute mache ich nicht mehr Sport, um Kalorien zu verbrennen, sondern aus Freude an der Bewegung. In meiner Yogapraxis geht es nicht mehr darum, "besser" zu werden – sondern mich mit mir selbst zu verbinden, meinen Körper zu spüren, zu genießen, ihm Gutes zu tun.

An miesen Tagen fällt es mir immer noch schwer, alles so anzunehmen wie es ist. Aber ja, ja, ja - ich will es lernen! Solange bis ich hoffentlich irgendwann jede einzelne Falte und jede Cellulitedelle an mir liebhaben kann. An keinem Tag mehr vergesse, dankbar zu sein dafür, was mir dieser Körper ermöglicht. Ich will meine Gedanken, meine Energie, meine Lebenszeit nicht länger verschwenden für etwas so Belangloses, Vergängliches. Will nicht geliebt werden dafür, eine hübsche Deko zu sein.

 

Als ich heute aus dem Kino gekommen bin, habe ich bewusst versucht, in meinem Körper zu bleiben. Die Schritte auf dem Boden zu fühlen. Den Blick nicht zur Seite zu richten, um mich über die Spiegelung im Schaufenster von außen zu betrachten. Da kam ein Windhauch und streichelte mir sanft und freundlich die Wange... wie oft verpassen wir diese kostbaren Momente, weil wir nicht in uns zuhause sind?

 

Yoga ist egal wie du aussiehst

Ich weiß, dass dieses Thema mich noch weiter beschäftigen wird. Für heute möchte ich vor allem auf einen Aspekt noch näher eingehen, den ich in diesem Artikel für YogaMeHome bereits erwähnt habe: Ich sehe es sehr kritisch, wie die Yogaszene dazu beiträgt, Frauen in ihrem Körperwahn zu bestärken. Wenn man durch Yogablogs oder -magazine stöbert, könnte man meinen, auch da ginge es darum, möglichst dünn, beweglich und knackig zu sein oder zu werden. Ich weiß, dass manche Frauen sich nicht in eine Yogastunde trauen, weil sie sich zu moppelig, zu unbeweglich, zu alt, zu unwohl im eigenen Körper fühlen. Dass es naheliegt, sich mit den hübschen Yoga-Models zu vergleichen, die sich in knallengen Leggins recht ansehnlich verbiegen. Dass viele Frauen sich in der Folge auf der Matte – genau wie im Alltag – zur Selbstoptimierung pushen.

 

Für mich bedeutet Yoga aber, zu lernen sich so anzunehmen wie man jetzt bereits ist. Diesen Körper zu hegen, zu pflegen, zu lieben. Das atemberaubende Wunder zu erkennen, das er ist! (Schlag mal ein Biologiebuch auf und lies nach was dieses Wunderwerk in jeder Minute Phantastisches leistet!) Dankbar für dieses höchst intelligente "Gefährt" zu sein. Sich auf das zu fokussieren, was er alles kann und seine Grenzen zu respektieren. Ich hoffe inständig, dass auch die Yogaszene (von der Medienwelt wage ich noch nicht zu träumen) bald die kostbare Vielfalt der Menschen und Formen mehr feiert. Bis dahin lasst es uns zumindest auf unserer eigenen Matte tun!


Mir ist es enorm wichtig klar auszudrücken: In meinen Kursen und Seminaren ist JEDE willkommen! Bitte fühl dich nie zu dick, zu dünn, zu unbeweglich, zu tolpatschig, zu alt, zu irgendwas dafür. Jeder kann auf seine individuelle Weise Yoga üben. Bitte sei dir gewiss, dass ich dich nicht kritisch beäuge und bewerte, sondern deine Einzigartigkeit wertschätze. Wie können wir nicht darüber staunen, wie vielfältig, bunt und wunderbar wir Menschenwesen sind?

 

Lassen wir den Mist

Liebe Frauen, lassen wir doch diesen Mist! Lasst uns gemeinsam üben, unsere Körper wieder freudig zu bewohnen und sie dafür zu nutzen, unser Potenzial voll zu entfalten, unsere Gedanken, unsere Kreativität, unsere Visionen in die Welt zu tragen. Zu handeln, zu erschaffen, zu träumen, zu tanzen, geliebte Menschen zu streicheln, herrliches Essen zu genießen, fabelhaften Sex zu haben, Kinder zu kriegen, auf den Boden zu stampfen und mutig vorauszugehen. 

Es ist nicht einfach, sich der Macht der vielen Bilder von "perfekten" (künstlich perfektionierten) Körpern, die täglich auf uns einströmen, zu entziehen. Aber beginnen wir damit, uns immer öfter freundlich im Spiegel zuzuzwinkern und uns gegenseitig zu sagen, was wir aneinander schön finden anstatt zu konkurrieren und zu vergleichen. Ich weiß, dass es geht. Ich übe mit euch.
Lasst uns in unsere Körper nachhause kommen – gemeinsam, Schritt für Schritt.

 

 

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Drei Missverständnisse über Achtsamkeit

Das Wort „Achtsamkeit“ taucht immer öfter in den Medien auf. Das ist schön, weil so immer mehr Menschen darauf aufmerksam werden. Eine Schattenseite ist aber – wie so oft bei einem Hype  – dass der Begriff verwässert und missverstanden wird. Ich komme gerade von einem Achtsamkeits-Seminar und ich kann dir versichern, dass wir nicht nur sanftmütig gelächelt, uns entspannt oder aaaaalles gaaaanz laaaaangsam gemacht haben.

 

Da diese Woche ein von mir geleiteter Schnupperkurs in Salzburg startet, möchte ich gerne ein paar Irrtümer über Achtsamkeit aufklären – damit du weißt, was dich erwartet. Und was nicht.

1. Achtsamkeitsmeditation bedeutet, keine Gedanken mehr zu haben.

Eine erste Reaktion, die ich häufig höre ist: „Meditieren? Hab ich probiert, kann ich nicht. Ich hab einfach zu viele Gedanken, die mich stören. Das klappt nicht, dass das aufhört.“ Das bedeutet allerdings nicht, dass du leider nicht dem exklusiven Club der Meditierenden beitreten kannst – sondern, dass du ein Mensch bist. Unser Gehirn produziert Gedanken, wie die Lunge atmet und die das Herz schlägt. Die Vorstellung, dass Meditation bedeutet, in totaler Gedankenstille zu verweilen, ist ein Missverständnis. Die Achtsamkeit liegt darin, zu bemerken, dass du denkst, träumst, planst, dich sorgst, abschweifst... und mit Beharrlichkeit, Interesse und Freundlichkeit immer wieder zum gegenwärtigen Moment zurückkehrst. Es ist also keine „schlechte“ Meditation, wenn viele Gedanken auftauchen. Das ist völlig normal. Jeder Tag ist anders. Wahrzunehmen, was ist, das ist ein Teil der Achtsamkeit.

Ich kann dir also versichern: Auch du kannst das.

 

2. achtsamkeit heisst, alles ganz langsam zu machen.

Achtsam durchs Leben zu gehen bedeutet nicht, immer im Slow-Motion-Modus unterwegs zu sein und jede Rosine 50x zu kauen. Das ist weder praktikabel noch sinnvoll. Natürlich gibt es wertvolle Übungen, die uns für ein paar Momente entschleunigen und die kostbare Erfahrung ermöglichen, etwa eine Speise oder ein Objekt mit allen Sinnen zu erleben. Auch die Gehmeditation übt man zunächst häufig in einem langsamen Tempo, um damit vertraut zu werden. Aber auch ein Rennfahrer fährt die Strecke die ersten Male nicht gleich mit der Höchstgeschwindigkeit. Wenn du dich etwas darin geübt hast, deine Sinne zu öffnen, deine Körperempfindungen wahrzunehmen oder deinen Fokus auszurichten, dann kannst und sollst du das auch in deinen Alltag einbauen, in den pulsierenden Rhythmus deines Lebens.

 

3. Achtsamkeit ist eine Selbstverbesserungs-strategie

Jein. So viel ist klar: Es ist nicht mein Ziel, dich in einem Achtsamkeits-Kurs irgendwie besser zu machen. Ich verstehe wenn Menschen aufstöhnen: „Jetzt muss ich schon schlank, schön, sportlich, erfolgreich sein, mich richtig ernähren, mich weiterbilden... jetzt soll ich auch noch gelassen und achtsam sein.“ Noch mehr müssen, sollen, noch mehr Druck, noch mehr auf der To-Do-Liste.

Es wäre gelogen zu behaupten, dass eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis nicht auch ein gewisses Maß an Bemühung braucht. Aber Selbstoptimierung ist nicht das Ziel. Es geht nicht darum, noch mehr im Tun-Modus zu rattern. Sondern Achtsamkeit möchte dich in den Seins-Modus holen. Dir eine Atempause ermöglichen – in der du nicht besser werden musst, sondern einfach alles so sein darf, wie es ist.

Das Paradoxe ist, dass die Praxis über die Zeit doch eine positive Wirkung entfaltet und dich gesünder, gelassener und zufriedener werden lässt. Aber im Idealfall fixieren wir uns nicht ehrgeizig auf dieses Ziel, sondern lassen zu, dass sich diese Qualitäten wie von selbst mehr und mehr entfalten.

 

Das sind nur drei der Missverständnisse, die mir immer wieder begegnen... ein anderes Mal erzähle ich dir noch mehr darüber. Und natürlich kannst du auch gerne deine Fragen dazu in einem Kommentar unter diesem Artikel hinterlassen!

 

Wenn du mehr erfahren und erste Übungen ausprobieren, Achtsamkeit erfahren möchtest, dann kommt doch in meinen Schnupperkurs in Salzburg-Aigen.

 

 

Foto: unsplash.com/Coley Christine

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Om statt on?

Vielleicht brauchst du ja noch etwas Lesestoff für gemütliche Momente am kommenden Osterwochenende? Oder hast du dich auch schon mal gefragt, ob dein Smartphone-Konsum noch gesund ist? Vielleicht fühlst du dich auch manchmal überfordert von den vielen Mails und Whats-App-Nachrichten? Wie sieht ein gesunder Umgang mit diesen Technologien aus? Wie können wir sie für uns nutzen – und uns nicht von ihnen versklaven lassen?

 

Dieser Artikel, den ich für das Magazin Yoga Aktuell geschrieben habe, hat offenbar Menschen bewegt, denn ich habe einige Rückmeldungen dazu erhalten. Viele wissen nicht, dass permanenter Smartphone-Konsum tiefgreifende Auswirkungen auf unser Gehirn hat und Bereich anspricht, die eng mit Suchtverhalten verbunden sind. Zugleich führt die permanente Ablenkung dazu, dass unsere Fähigkeit, uns zu konzentrieren, leidet und wir immer seltener Flow erleben. Erfreulicherweise gibt es eine Medizin, die genau dagegen wirkt: Achtsamkeit.


Viel Spaß beim Lesen & frohe Ostern!

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Om statt on - Yoga Aktuell Ausgabe Nr. 101
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Interview mit Kea von Garnier: Licht & Schatten der Angst

Ich bin ein großer Fan von den Texten und Projekten der wunderbaren Kea von Garnier. Als sie im Dezember 2016 auf ihrem Blog offen über ihre Angststörung und ihre Intention, auch diese Seite von sich selbst liebevoll anzunehmen, erzählt hat, hat mich das sehr berührt. Ich freue mich sehr, dass Kea Lust darauf hatte, mit mir darüber in einem Interview zu sprechen. Und ich finde, es hat sich sehr gelohnt! :)
Bitte entschuldigt, dass ich Kea am Ende das Wort abgeschnitten habe, da war ich etwas vorschnell.
Mehr von Kea: www.hello-mrs-eve.de bzw. www.thirtyplus.de


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Interview mit Carina Herrmann: warum wir Perfektionismus entspannt loslassen dürfen

Für das dritte Interview meiner Reihe zum Thema "Selbstaktzeptanz" konnte ich eine inspirierende Powerfrau gewinnen: Carina Herrmann. Sie ist erfolgreiche Bloggerin (hier und hier), Autorin, Digitale Nomadin und Gründerin eines digitalen Co-Working-Space für Frauen. Carina inspiriert, berät und motiviert unzählige Frauen auf ihrem Weg in ein mutiges, selbstbestimmtes Leben. Ich habe sie gefragt, ob sie sich immer noch mit anderen vergleicht, wie sie mit Fehlern umgeht und ob Erfolg den inneren Kritiker zum Verstummen bringt. Viel Freude mit den Antworten!


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Interview mit Franziska Krusche: Freundschaft schließen mit dem Körper

Ich freu mich wirklich sehr, dass ich Franziska Krusche, Yogalehrerin und Psychologin, für meine Video-Reihe interviewen durfte! Sie hat lange unter Essstörungen gelitten und gibt heute Workshops zum Thema "Emotionaler Hunger & Yoga".

Franziska hat ihren ganz individuellen Weg gefunden, mit ihrem Körper Freundschaft zu schließen und die Verantwortung für ihr Wohlbefinden zu übernehmen. Im Interview hat sie mir verraten, wie sie gelernt hat, gut für sich zu sorgen, was sie den Teilnehmerinnen in ihren Workshops vermittelt und warum eine Yogapraxis kein Selbstoptimierungsprogramm ist.


Wie machst du das?

Ich würde mich sehr freuen, wenn du dich mit mir und anderen über die angesprochenen Themen austauschen würdest! Falls du Kommentare, Fragen oder Ideen hast, wenn du mir von deinen Erfahrungen oder deinem Weg zu mehr Selbstakzeptanz und Selbstmitgefühl berichten möchtest, dann schreib gerne einen Kommentar unter den Beitrag!

 

 

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Übung: Ja sagen zu dem, was ist

Der große indische Philosoph Krishnamurti soll gegen Ende seines Lebens auf die Frage nach der Essenz seiner Weisheit gesagt haben:

"Dies ist mein Geheimnis. Ich habe nichts gegen das, was geschieht." Ein wunderbarer Satz, der wirklich einen wichtigen Schlüssel in sich trägt. Denn wenn ich eins wirklich zutiefst in den vergangenen Jahren verstanden habe, dann dass es unheimlich heilsam und wertvoll ist, sich in Akzeptanz zu üben. Und dass Widerstand Leid in der Regel nur vergrößert. Vielleicht hast du auch schon einmal diese Gleichung gesehen: Schmerz x Widerstand = Leiden

 

In den vergangenen Wochen wurde meine Kapazität, die Dinge zu akzeptieren wie sie sind, allerdings auf eine harte Probe gestellt...

keinen Widerstand leisten

Selbst wenn die Dinge eigentlich recht gut laufen, ist es nicht immer einfach, zu akzeptieren, was hier und jetzt präsent ist. Wir Menschen neigen dazu, stets die Lücke zu finden und gedanklich in ihr herumzubohren anstatt das Gute zu würdigen. Und ist alles ganz wunderbar, dann fürchten wir uns schon vor der Vergänglichkeit von allem Schönen. Noch schwieriger wird das Einverstandensein mit dem Moment aber, wenn wir in eine Krise geraten oder wir mit Schwierigkeiten konfrontiert sind. So wurde ich vor wenigen Wochen mit einem zutiefst schmerzlichen Verlust konfrontiert. Wie soll man akzeptieren, einen Menschen zu verlieren, der einem viel bedeutet? Noch dazu, wenn man nicht Abschied nehmen konnte?

 

Ich gebe gerne zu, dass das eine Feuerprobe für mich war. Und oft genug bin ich in heftigen Widerstand gegen den intensiven Schmerz und die tiefe Trauer gegangen. Sogar gegen die Realität habe ich mich aufgelehnt: Ich glaube es nicht! Ich will es nicht wahrhaben! Es darf nicht sein!

 

Es ist verständlich, normal und völlig in Ordnung angesichts einer solchen Tragödie nicht sofort zur Akzeptanz überzugehen. In den ersten Wochen war es für mich vor allem wichtig, mir selbst mit Selbstmitgefühl und Fürsorge beizustehen. Und zu akzeptieren, dass ich es eben noch nicht akzeptieren kann, was geschehen ist. Mir zuzugestehen, nicht gut oder hilfreich damit umgehen zu können. Mich ins Bett zu legen und mit meinem Schmerz und meiner Fassungslosigkeit zu sein. Und nein, ich wollte auch nicht hören, dass "alles für irgendwas gut ist" oder es "vielleicht besser so" ist. Ich wollte kein schnelles Trostpflaster.

 

Die befreiende Kraft eines "Ja"

Eine Übung, die mir sehr dabei hilft, mit dieser Situation umzugehen und die mich bereits durch viele schwierige Moment begleitet hat, ist die "Ja-Meditation". Ich folge dabei der Anleitung der wunderbaren Lehrerin Tara Brach. Auch wenn es integraler Bestandteil jeder Form der Achtsamkeitspraxis ist, dem gegenwärtigen Moment mit Offenheit zu begegnen, finde ich es hilfreich, dieses Einverstandensein konkret zu üben. Hier eine kurze Anleitung:

 

Akzeptieren, was geschieht

  • Nimm eine aufrechte Sitzhaltung ein. Alternativ kannst du dich auch hinlegen, wenn du dabei nicht einschläfst.
  • Schließe die Augen, wenn es dir angenehm ist oder senke den Blick. Nimm ein paar Atemzüge, um bei dir selbst anzukommen.
  • Dann vergegenwärtige dir eine schwierige Situation, die dich gerade beschäftigt (nimm dazu bitte nicht eine traumatische Situation, dafür solltest du dir kompetente Begleitung suchen).
  • Welche Gefühle und Empfindungen tauchen auf? Wo im Körper zeigen sich diese Gefühle? Erforsche sie möglichst offen, interessiert und vorsichtig. Wenn dich intensive Gefühle zu überwältigen drohen, dann kehre zum Anker der Atmung zurück.
  • Kannst du Widerstand gegen diese Gefühle, gegen die Situation wahrnehmen? Gibt es Wut, Ärger, Angst, Scham oder Traurigkeit? Wie fühlt sich dieser Widerstand an? Wo zeigt er sich? Spürst du Verspannung, Druck oder eine Enge im Körper?
  • Nach einer Weile nimm wieder ein paar Atemzüge und lass die Untersuchung des Widerstandes so gut wie es dir gerade möglich ist los.
  • Dann vergegenwärtige dir noch einmal die schwierige Situation und versuche diesmal deinen Widerstand zu lockern. Erkenne deine Realität an, indem du innerlich dazu "Ja" sagst. Ja, das ist eine schmerzliche Situation. Ja, so sieht dein Leben/diese Situation hier und heute aus. Ja, da ist Schmerz, Scham, Ärger oder Angst. Und ja, das ist okay.
  • Auch wenn du Widerstand fühlst, dann kannst du dazu "Ja" sagen: Ja, ich hätte gerne, das es anders ist.  Selbst das kann ich akzeptieren und liebevoll annehmen.
  • Dieses Ja will nichts zudecken oder wegmachen. Es darf alles da sein und bleiben. Es ist ein Ja, das dich ermutigt, die Dinge so akzeptieren wie sie jetzt gerade sind. Unvollkommen. Schmerzhaft. Leidvoll. Nicht so, wie du sie gerne hättest. Vielleicht kannst du die Härte und Enge des Widerstands mit dem Fluß der Atmung etwas weicher werden lassen.
  • Nichts davon muss geschehen. Nimm einfach nur wahr, was dieses "Ja" in dir auslöst. Vielleicht verändert sich auch nichts. Und dennoch drückst du mit diesem "Ja" einen Wunsch, eine Intention aus: Möge es mir mehr und mehr gelingen, mit dem zu sein, was ist.

Natürlich wäre es empfehlenswert, diese Übung zunächst mit einem erfahrenen Lehrer zu praktizieren. Manchmal tauchen intensive Gefühle des Widerstands auf und dann braucht es manchmal jemanden, der für dich da ist. Sei also bitte besonders achtsam, wenn du damit alleine arbeitest.

 

Nachdem ich diese Übung eine Weile lang regelmäßig praktiziert habe, begleitet sie mich inzwischen auch in meinem Alltag. Und wenn wieder etwas auftaucht, mit dem ich nicht einverstanden bin oder das nicht so läuft, wie ich es gerne hätte, dann flüstert immer öfter etwas in mir leise "Ja!" und erinnert mich daran, die scharfen Kanten des Widerstandes – unterstützt von meiner Atmung – weich werden zu lassen und zumindest zu versuchen, nichts gegen das zu haben, was geschieht.

 

Ein Buch zum Thema Akzeptanz, das ich dir sehr empfehlen kann, ist übrigens "Mit dem Herzen eines Buddha" von Tara Brach.

 

Ich wünsche dir viel Freude beim Üben & freue mich über Kommentare!

 

 

Titelbild: unsplash.com/Paul Green

 

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Neue Interview-Reihe: Der Weg zur Selbstakzeptanz

Schielst du auch manchmal auf andere Menschen und fragst dich: Wie macht die/der das? Warum kriegt die/der so viel auf die Reihe, während mir regelmäßig die Puste ausgeht oder die To-Do-Liste einfach nie kürzer wird?

Es liegt in unserer Natur, uns zu vergleichen. Sehr oft werten wir uns selbst dabei ab und glauben, andere wären viel liebenswerter/ produktiver/perfekter/stressresistenter etc. als wir. Wir blenden aus, dass auch andere Schwächen haben oder scheitern und richten den Schweinwerfer unserer Aufmerksamkeit auf unsere eigenen (vermeintlichen) Fehler.


Freundschaft schließen mit dir selbst

Als ich wieder einmal ehrfürchtig darüber nachgedacht habe, wie eine Freundin von mir so unglaublich viel schafft und dabei total ausgeglichen wirkt, kam mir die Idee zu dieser neuen Interview-Reihe. Ich möchte ganz unterschiedliche Menschen fragen: Wie machst du das eigentlich?

 

Dabei geht es mir nicht darum, tolle Tipps zu sammeln, wie wir noch produktiver und perfekter werden können, sondern darum, zu zeigen, dass wir alle straucheln, die Balance verlieren und unvollkommen sind. Was mich viel mehr als Selbstoptimierung interessiert ist: Wie können wir unsere Unvollkommenheit annehmen? Wie lernt man, freundlicher zu sich selbst zu sein? Daher werde ich meine Interviewpartner auch immer danach fragen, ob sie mit dem Thema Selbstmitgefühl/Selbstakzeptanz Erfahrungen gemacht haben, wie sie mit ihrem inneren Kritiker umgehen und welche Hilfsmittel, Rituale und Strategien ihnen dabei geholfen haben, einen sanfteren, mitfühlenderen Umgang mit sich selbst zu entwickeln.

 

Den Anfang macht meine liebe Freundin Laya Commenda, die nicht nur wunderbare, berührende Texte als Bloggerin und Autorin schreibt, sondern auch noch in vielen anderen Bereichen aktiv ist. Mich hat interessiert, wie sie dabei ihr Gleichgewicht hält und wie sie gelernt hat, sich selbst zu lieben.

 

Wie machst du das?

Ich würde mich sehr freuen, wenn du dich mit mir und anderen über die angesprochenen Themen austauschen würdest! Falls du Kommentare, Fragen oder Ideen hast, wenn du mir von deinen Erfahrungen oder deinem Weg zu mehr Selbstakzeptanz und Selbstmitgefühl berichten möchtest, dann schreib gerne einen Kommentar unter den Beitrag!

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Warum ich meine Geschichte erzähle

Heute gibt es hier einen sehr persönlichen Text. Der Grund dafür ist, dass am kommenden Sonntag (16.10.) ein Buch erscheint, an dem ich mitgeschrieben habe. Es geht dabei um das Thema „Antidepressiva absetzen“.

Das Buch ist ein Wegbegleiter, der Menschen, die – gemeinsam mit ihrem Arzt und Therapeuten – zu der Entscheidung gekommen sind, ihre Antidepressiva abzusetzen ermutigen und unterstützen soll. Gemeinsam mit meinem Co-Autor Mischa von Adios Angst habe ich viele Erfahrungen, hilfreiche Tipps und Meinungen von Experten dafür zusammengetragen.*

In dem Buch erzähle ich auch meine eigene Geschichte – und zwar sehr offen und ungeschönt. Es war keine leichte Entscheidung für mich, das zu tun. In meinem Freundeskreis bin ich immer ehrlich gewesen, wenn mich jemand gefragt hat, wie es mir geht. Aber nun kann jeder ganz leicht nachlesen, dass ich in den vergangenen 20 Jahren immer wieder mit Depressionen und Panikattacken konfrontiert war. Natürlich habe ich mich im Vorfeld gefragt, ob ich möglicherweise Kunden als freie Journalistin oder Yogalehrerin verliere, wenn ich so viel von mir zeige. Oder sich auch im Privatleben manche Menschen abwenden.
Ich hab es trotzdem gemacht. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Authentisch leben

Ich bin ein Mensch, der Wert auf Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit legt und ich möchte mich nicht verstecken. Nicht nur, weil das ungemein anstrengend ist und sich die Wahrheit immer zeigt, sondern weil ich irgendwann entschieden habe, dass ich mich für meine Geschichte nicht mehr schämen oder verurteilen will. Wir Menschen sind alle verletzlich – ich bin es auch. Das ist kein Makel. Dass ich meine Tiefs bewältigt habe und heute stabil und zuversichtlich im Leben stehe, ist ein Grund, stolz auf mich zu sein.

Betroffene ermutigen

Ich kann mich gut erinnern, dass ich in meiner schwierigsten Phase nach Geschichten von Menschen gesucht habe, die Ähnliches erlebt haben. Ich habe mich nach Happy Ends gesehnt, die mir zeigen, dass es auch dann noch Anlass zur Hoffnung gibt, wenn man mehr als eine depressive Episode durchlebt und eher düstere Prognosen von einem Arzt erhalten hat. Ich wollte so gerne lesen, dass auch andere manchmal jahrelang durch die Dunkelheit geirrt sind - und doch wieder zum Licht gefunden haben. Damals war meine Suche nicht sehr erfolgreich.

 

Das ist einer der wichtigsten Gründe, warum ich meinen Weg so ehrlich schildere: Um Betroffenen zu vermitteln, dass es möglich ist, zurück zu einem guten Leben zu finden. Egal, was andere sagen oder wie oft du schon ein Tief durchlebt hast: Du bist mehr als eine Diagnose. Und dir ist viel mehr möglich als du vielleicht gerade glaubst. Auch in dir steckt eine enorme Lebenskraft, die immer zur Ganzheit, zur Balance, zur Heilung hinstrebt.

Die Statistiken zeigen, dass es inzwischen sehr viele Menschen mit Depressionen und Angsterkrankungen gibt. Es ist traurig, dass sich die meisten immer noch damit verstecken oder sich schämen. Ich möchte euch dazu ermutigen, euch zu zeigen und euch Unterstützung zu holen. Isolation macht krank. Verbundenheit heilt.

Nicht perfekt, aber erfahren

Gerade als Yoga- & Achtsamkeitslehrerin habe ich mich natürlich gefragt: Darf ich das? Sind meine Kunden oder Leser vielleicht enttäuscht, weil ich nicht perfekt bin und schon immer alles ganz famos im Griff hatte? Darf ich überhaupt unterrichten mit so einer Geschichte? Auch wenn mich das Perfektionismus-Virus immer noch manchmal attackiert, weiß ich doch in meinem tiefsten Herzen: Ja, das darf ich. Ich werde eher misstrauisch, wenn Lehrer behaupten, dass sie nicht mehr auf dem Weg sind und angeblich bereits alle Wirrungen des Lebens gemeistert haben. Wie sollen sie dann an meine Erfahrungen anknüpfen? Ich weiß, wovon jemand spricht, wenn er sagt, dass er sich in Gedankenspiralen verliert. Ich habe selbst erlebt wie es sich anfühlt, wenn die Angst einem tonnenschwer auf der Brust liegt. Und ich habe Dinge gefunden, die mir geholfen haben, damit umzugehen. Die kann und will ich weitergeben.

Eine sanfte Yoga- und Achtsamkeitspraxis und das Kultivieren von Selbstmitgefühl haben auf diesem Weg eine wichtige Rolle gespielt. Ich weiß, dass ich heute nicht so mutig und gesund im Leben stehen würde, wenn ich nicht jeden Tag üben würde, dem Leben mit allen seinen Herausforderungen mit einer offenen, akzeptierenden und mitfühlenden Haltung zu begegnen. Erst durch die Achtsamkeitspraxis habe ich gelernt, mit negativen Gedanken, schwierigen Gefühlen und meiner erbarmungslosen inneren Kritikerin konstruktiv umzugehen und alte Muster zu verändern. Ich habe also eine ganz besondere Motivation, diese Werkzeuge auch anderen zu vermitteln und weiß aus Erfahrung, was sie bewirken können.

"Your fragility is also your Strength."

Dieses Zitat von der wunderbaren Pina Bausch begleitet mich schon eine Weile. Und ich weiß, dass es wahr ist. Ich weiß, dass vieles von dem Guten, das ich heute in mir trage, direkt mit meiner Geschichte zusammenhängt. Viele Qualitäten und Stärken habe ich erst dadurch entwickelt. Weil ich diesen Weg gegangen bin, bin ich heute die, die ich bin. Und nur, wenn ich mein Licht und meine Schatten akzeptiere, kann ich ganz sein.

Oder wie Brené Brown so schön in "Laufen lernt man nur durch Hinfallen" formuliert:

 

„Ironischerweise sind wir bestrebt, unsere Probleme zu leugnen,
um „ganz“ zu erscheinen oder akzeptabler zu sein.
Aber unsere „Ganzheit“ – sogar unsere Aufrichtigkeit –
hängt in Wirklichkeit von der Integration all unserer Erfahrungen ab,
Fehlschläge inklusive.“

 

Jetzt nehme ich für Sonntag all meinen Mut zusammen und freue mich darauf, noch ein bisschen "ganzer" in der Welt zu stehen.

Deine Melanie

 

P.S.: Wenn du mehr darüber lesen willst, wie mein Co-Autor Mischa vom Angsthasen zum Mutmacher wurde, empfehle ich dir seinen Blog. Dort hat er auch von seinen Erfahrungen mit dem Absetzen von Antidepressiva erzählt.

 



* Es ist mir wichtig zu betonen, dass wir mit unserem Buch niemanden dazu auffordern möchten, seine Medikamente ohne ärztlichen Rat abzusetzen. Niemand soll sich von uns unter Druck gesetzt oder beurteilt fühlen, weil er Antidepressiva einnimmt. Unser Buch soll ausschließlich jene unterstützen, die diese Entscheidung bereits wohlüberlegt und mit Unterstützung eines Arztes für sich getroffen haben.
Mehr dazu im Vorwort unseres Buches.

 

 

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Wie du Gutes im Gehirn verankerst

Schöne Momente sind flüchtig. Zum Teil sind sie genau deshalb so kostbar für uns: Weil wir wissen, wie schnell sie vorbeiziehen. Im Alltag gilt das ganz besonders. Wann hast du dir das letzte Mal Zeit genommen, um einen Baum in seinem leuchtenden Herbstkleid länger als wenige Sekunden zu bewundern oder die angenehme Wärme der Teetasse in deinen Händen zu spüren?

 

Wenn wir uns aber nicht die Zeit nehmen, um positive Erfahrungen wirklich bewusst in uns aufzunehmen, dann rauschen sie durch uns hindurch wie der Wind durch deine Sommerjacke und es bleibt wenig zurück. Wie du das verhindern kannst, darauf möchte ich heute eingehen. 

Warum wir die nadel im heuhaufen suchen

Wahrscheinlich hast du selbst schon die Erfahrung gemacht, dass unser Gehirn manchmal ein ganz schöner Schwarzseher sein kann. Während wir uns bemühen, positiv zu denken und glücklich zu sein, fokussiert sich unser Geist am liebsten auf das, was schiefgehen könnte oder den winzig kleinen Fehler, den wir gemacht haben. Nun, vielleicht entspannt es dich zu erfahren: Das ist ganz normal und es ist nicht deine Schuld. Wissenschaftler bezeichnen diese Tendenz des menschlichen Gehirns als "negative Verzerrung".

 

Sie ist das Ergebnis unserer evolutionären Entwicklung: Für unsere Vorfahren war es lebenswichtig, ständig vor potenziellen Gefahren auf der Hut zu sein und aus negativen Erfahrungen zu lernen. Wachsame, ängstliche Charaktere sind einfach deutlich seltener von wilden Tieren überrascht und gefressen worden als tiefenentspannte Artgenossen. Es ist eine gutgemeinte Problemlösungsstrategie unseres Gehirns, dass wir bei Problemen eine Art Tunnelblick entwickeln, der alle anderen Eindrücke - die nicht existenzbedrohend sind - ausblendet. Die angenehmen Momente des Lebens fallen dabei häufig durch das Wahrnehmungs-Sieb.

 

Der Neurowissenschaftler Rick Hanson erklärt die negative Verzerrung recht anschaulich so: "Für negative Erfahrungen gilt das Klett-Prinzip – sie bleiben in unserem Gehirn haften, während für positive Erfahrungen das Teflon-Prinzip gilt – sie perlen ab."

Innere Stärke entwickeln

Um ein erfülltes Leben zu führen und Herausforderungen gelassen zu begegnen, ist es aber wichtig, dass wir auch Glücksmomente bewusst erleben. Denn unser Gehirn speichert vor allem das ab, worauf wir unsere Aufmerksamkeit fokussieren. Die Erfahrungen, die wir machen, werden in unseren neuronalen Netzwerken abgebildet. Ein Geist, der sich vorwiegend mit Selbstkritik, Ängsten, Zorn und Schuldgefühlen beschäftigt, wird zunehmend anfälliger für genau diese Gefühle und Gedanken. Wenn wir uns dagegen auf die freudvollen, angenehmen und guten Momente des Lebens konzentrieren, fördern wir aktiv eine positive Grundeinstellung, Vertrauen und innere Stärke.  

 

Damit unser Gehirn positive Erfahrungen abspeichert und nicht abperlen lässt, reicht es aber nicht, einfach ab und zu kurz an was Schönes zu denken. Wie Rick Hanson in seinem Buch "Denken wie ein Buddha" wunderbar erklärt, müssen wir Positives bewusst erleben und integrieren. Das heißt, wir bemerken es nicht nur kurz  - sondern wir nehmen es als sinnliche Erfahrung auf und speichern es so in unserem Gehirn ab. Der Neurowissenschaftler Hanson empfiehlt dazu folgende Schritte:

 

Vier Schritte um Gutes zu verankern

  1. Mach eine positive Erfahrung. Wenn sich nicht ohnehin gerade etwas Schönes ergibt, dann vergegenwärtige dir so oft wie möglich Erinnerungen an glückliche Momente oder denke an Menschen, Dinge oder Orte, für die du dankbar bist. So kannst du Zufriedenheit und innere Stärke aktiv "trainieren".
  2. Reichere sie an. Bleib für 5 bis 10 Sekunden bei der Erfahrung und versuche sie bewusst zu genießen. Oft sehen wir etwas Schönes, z.B. eine Blume, eine Landschaft oder einen geliebten Menschen, und nehmen das nur ganz kurz zur Kenntnis, bevor wir unsere Aufmerksamkeit wieder auf etwas anderes lenken. Versuche einmal länger dabei zu bleiben.
  3. Nimm die Erfahrung in dich auf. Verinnerliche sie, indem du nicht nur über sie nachdenkst, sondern dich bewusst auf die Gefühle, die die Erfahrung in dir auslöst, fokussierst. Lass dich von ihnen durchdringen. Lass sie in dich einsickern. Bade in ihnen. Mach dir bewusst, dass du auf diese Ressource jederzeit zurückgreifen kannst.
  4. Bleib beim Guten. Häufig kommen wir in glücklichen Momenten auch mit Negativem in Kontakt. So kann es sein, dass du dich in einem Augenblick tiefer Verbundenheit mit anderen Menschen an einsame Stunden erinnerst. Nimm zur Kenntnis, dass es auch diese Momente in deinem Leben gibt - aber lenke deine Aufmerksamkeit immer wieder bewusst auf das Gute. So als ob das Negative immer wieder verblasst und in den Hintergrund tritt.

Das leben nicht verpassen

Ich erinnere mich jeden Tag daran, das Glück - das häufig in den ganz kleinen Dingen und unscheinbaren Momenten liegt – nicht unbemerkt an mir vorbeihuschen zu lassen. Dabei passiert es mir immer noch oft, dass ich etwas Schönes sehe, wie z.B. einen beeindruckenden Wolkenhimmel oder Tautropfen, die im Sonnenlicht leuchten, kurz innerlich bemerke "Oh, wie schön!" und mich dann wieder in meinen Gedanken verliere. Seit ich das Buch von Rick Hanson gelesen habe, gelingt es mir aber immer öfter, meine Aufmerksamkeit wieder bewusst auf das zu lenken, was mir da gefällt, und für eine Weile dabei zu bleiben. Ich erforsche es dann mit meinen Sinnen (z.B. Wie sieht es genau aus? Welche Farben nehme ich war? Welche Details?) und spüre genau hin, welche Gefühle und Körperempfindungen der Anblick in mir auslöst. Ich habe festgestellt, dass ich seitdem viel öfter die kleinen Glücksmomente des Alltags wahrnehme und mich von ihnen gestärkt und bereichert fühle.

 

Vielleicht ist das ja eine Idee für deinen nächsten Spaziergang?

Ich würde mich freuen, wenn du von deinen Erfahrungen in den Kommentaren berichtest.

 

Literaturtipp

Rick Hanson: Denken wie ein Buddha - Gelassenheit und innere Stärke durch Achtsamkeit, Irisana Verlag 2013

 

 

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Mantra #10

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Übung: Atempause mit Sinn

Achtsamkeit

Heute habe ich eine neue Achtsamkeitsübung ausprobiert und habe festgestellt, dass sie mir richtig gut tut. Daher möchte ich sie hier mit dir teilen:

 

Ich komme gerade von einem Spaziergang im Grünen zurück – ein wichtiges Ritual für mich, auf das ich nicht verzichten könnte. Denn am allerliebsten bin ich eigentlich draußen. Gelegentlich erwische ich mich aber dabei, dass ich recht unachtsam unterwegs bin. Ich laufe durch die wunderschöne Allgäuer Landschaft direkt vor meiner Haustür und bekomme kaum etwas davon mit, sondern tauche schon nach wenigen Schritten in Gedanken ab.

 

Manchmal ist das sehr produktiv, weil ich die besten Ideen beim Spazierengehen habe. An anderen Tagen wiederhole ich nur die immer gleichen und wenig sinnvollen Grübelschleifen und wache erst wieder auf, wenn ich an meinem Auto stehe – und mich kaum daran erinnern kann, wo ich gerade war.

Natürlich tut mir das Spazierengehen auch dann gut, weil Bewegung, frische Luft und Sonnenlicht einfach heilsam und gesund sind. Aber noch besser finde ich es, wenn ich bei meinen Runden auch „dabei“ war und die Schönheit der Natur nicht verpasst habe.

 

30 Atemzüge lang ganz da sein

Heute habe ich Folgendes versucht:
Ich komme auf einer meiner gewohnten Runden bei einigen Bänkchen vorbei. Anstatt wie so oft vorbei zu huschen, weil irgendetwas in mir der Meinung ist, dass ich keine Zeit habe, um mich hinzusetzen, bin ich diesmal mehrmals stehengeblieben und habe mir eine Pause gegönnt. Dabei habe ich bewusst 30 x tief in meinen Bauch ein- und ausgeatmet und meine Sinne für alles geöffnet, was mich umgibt. Ich habe die Farben und Formen der Pflanzen und Steine, das Spiel von Licht und Schatten wahrgenommen. Ich habe den Vögeln und dem Wind zugehört, die kühle Bank unter meinem Gesäß gespürt und die warme Sonne auf meiner Haut. Ich habe den Duft von frisch gemähtem Gras und kühlem moosigem Waldboden registriert.

Ich habe nicht über die Dinge nachgedacht, sondern mich einfach für die sinnlichen Eindrücke geöffnet, sie innerlich kurz benannt („Das Rauschen des Windes“, „Ein beeindruckendes Schattenspiel“, „Hmmmm, frisches Heu“, „Hellgrüne Blätter vor blauem Himmel“, „Ein Muster in der Eichenrinde“, „Kühle von unten“, „Hallo Vogel!“) und jeden Eindruck dann auch gleich wieder losgelassen.

Nach 30 Atemzügen habe ich mich bei dem Platz bedankt und bin weitergegangen.

Insgesamt habe ich vielleicht fünf Minuten länger gebraucht als sonst – aber mich danach deutlich präsenter, geerdeter und zufriedener gefühlt als sonst. Ich nehme mir also künftig für meine Spaziergänge alleine vor, mindestens zwei Mal diese Übung einzubauen.

Vielleicht hast du ja auch Lust, sie einmal auszuprobieren?
Glaub mir, es lohnt sich.

 

 

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Was ist Achtsamkeit?

Alle reden über sie. Manche lachen darüber. Andere können das Wort nicht mehr hören.

Aber wer weiß schon genau, was mit Achtsamkeit gemeint ist?

Alles ganz langsam zu machen?

Zu meditieren?

Keine störenden Gedanken, unangenehmen Gefühle oder Stress zu haben?

 

Nichts davon trifft den Kern der Achtsamkeit.

Wir können zügig handeln – und dennoch achtsam sein.

Wir müssen dazu nicht meditieren – auch wenn es hilfreich ist, dies regelmäßig zu tun.

Und wer hofft, dass achtsame Menschen immer glücklich sind und nie sorgenvolle Gedanken haben, den muss ich leider enttäuschen.

Aber was ist dann damit gemeint?

 

 

Drei Aspekte der Achtsamkeit

Es lässt sich sehr viel über Achtsamkeit sagen (und das werde ich hier auch noch tun ;)) – aber beginnen wir damit, dass es drei Aspekte gibt, die Achtsamkeit charakterisieren.

  1. Gelenkte Aufmerksamkeit
  2. Fokus auf das Hier und Jetzt
  3. Vorurteilsfreie, akzeptierende Haltung

 

Gelenkte Aufmerksamkeit
Im Alltag ist es meist so, dass unsere Aufmerksamkeit hin- und herspringt wie ein wildgewordener Affe. Oh, die Sonne scheint. Ah, ich sollte mich auf den Text konzentrieren. Hm, hat mein Smartphone gerade gebimmelt? Grrrr, jetzt telefoniert die schon wieder so laut. Mist, jetzt tut mir schon wieder der Rücken weh. Huch, mein Magen knurrt. So, noch schnell zwischendurch die E-Mail beantworten. Was wollte ich gerade machen?

Sehr häufig reagieren wir dabei immer wieder auf Reize von außen oder körperliche Empfindungen. Oder wir folgen unseren Gedanken, die auftauchen und uns mitnehmen bis zur nächsten Denkabzweigung. Achtsamkeit bedeutet, die Aufmerksamkeit bewusst auf eine Sache, z.B. den Atem, einen Sinn oder ein Gefühl, das ich näher erkunden will. Auch wenn der Affengeist immer wieder abschweift holen wir ihn liebevoll immer wieder zurück zum Objekt unserer Aufmerksamkeit.

Eine andere Variante der Achtsamkeit ist es, unsere Aufmerksamkeit ganz weit zu machen und einfach alles wahrzunehmen, was darin auftaucht (z.B. Gedanken, Geräusche, körperliche Empfindungen) – ohne daran „hängenzubleiben“. Das nennen wir „offenes Gewahrsein“.

Hier und Jetzt
Das Leben findet nur in diesem Moment statt. Wenn wir über die Vergangenheit nachgrübeln oder mit Zukunftsplanung beschäftigt sind, dann verpassen wir es. Wenn wir in der Vergangenheit feststecken plagen uns vielleicht Schuldgefühle oder – im schlimmsten Fall – Depressionen. Wer sich viele Gedanken über die Zukunft macht, leidet nicht selten an Ängsten vor dem, was ungewiss ist. Achtsamkeit holt uns wieder zurück in das Hier und Jetzt. Das ist nicht immer angenehm, denn nicht immer ist die Gegenwart einfach oder schön. Aber nur im jetzigen Moment können wir auch die Intensität, den Reichtum und die kleinen Momente des Glücks, die jeder Tag uns anbietet, wahrnehmen.

Offenheit & Akzeptanz
Achtsamkeit lädt uns dazu ein, nicht alles sofort zu bewerten, was wir wahrnehmen. Denn wir neigen dazu, alles sofort in Schubladen zu stecken. Vorzugsweise steht auf diesen: „Angenehm“ oder „Unangenehm“. Buddhisten sprechen hier von Anhaftung und Ablehnung. In der Regel führt dies auch dazu, dass wir sofort entsprechend reagieren. Wir denken „Davon will ich mehr!“ oder „Das will ich nicht!“. Wir verteidigen uns, laufen davon oder aktivieren gewohnte Verhaltensweisen. Manchmal tun wir das vorschnell und ohne uns darüber klar zu werden, ob wir uns sinnvoll verhalten. Vielleicht müssen wir heute gar nicht mehr in die Defensive gehen? Vielleicht ist meine Partnerin gar nicht wie meine Mutter – auch wenn sie ähnliche Formulierungen benutzt? Vielleicht tut uns das dritte Stück Kuchen gar nicht so gut (und hilft auch nicht wirklich gegen das Gefühl der Einsamkeit)?

Achtsamkeit ermutigt uns dazu, den Dingen mit Offenheit zu begegnen und Reiz-Reaktionsmuster zu entkoppeln, damit wir wieder mehr Handlungsspielraum und Freiheit erlangen. Besonders schwierig wird dies natürlich, wenn alles in uns nachdrücklich meldet: „Das will ich nicht!“. Etwa, wenn unangenehme Gefühle auftauchen, wie z.B. Wut oder Scham. Nun, um ehrlich zu sein: Wenn wir diesen Gefühlen achtsam und mit einer neugierigen, akzeptierenden Haltung begegnen, gehen sie deshalb nicht immer weg. Aber häufig verlieren sie an Kraft und Intensität. Denn wenn ich eines über die Jahre ganz sicher gelernt habe, dann, dass Widerstand unangenehme Gefühle in der Regel nährt und Akzeptanz häufig dazu führt, dass sie kleiner, erträglicher werden – oder manchmal sogar ganz weggehen.

Darüber hinaus lohnt es, offen zu bleiben, weil wir heute nie ganz sicher wissen, was für uns gut oder schlecht ist. Jeder von uns hat Dinge erlebt, die im ersten Moment wie eine Niederlage, ein Verlust oder ein Unglück aussahen – und die sich im Nachhinein als Segen oder Chance herausgestellt haben. (Wie in dieser bekannten Parabel aus dem Daoismus.)

 

Was ist also Achtsamkeit?
Folgendes Zitat bringt es für mich gut auf den Punkt: "Achtsamkeit ist eine Form der Aufmerksamkeit, die eingebettet ist in eine liebevolle, gleichmütige, mitfühlende und freundliche Grundhaltung."

(Anne Katrin Külz - Die Kraft liegt im Augenblick, Herder 2016)

 

 

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Warum Selbstmitgefühl?

Ein bezauberndes Video von The School of Life erklärt in weniger als fünf Minuten, warum Selbstmitgefühl so wichtig ist, welche Gedanken uns daran hindern und wie wir dieses Gefühl bewusst kultivieren können.

 

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Den zweiten Pfeil vermeiden

Ich bin immer wieder verblüfft und auch berührt davon, wie hart die meisten von uns im Umgang mit sich selbst sind – und ich nehme mich da nicht aus. Wenn wir etwas vermasseln, einen Fehler machen oder uns etwas passiert, das weh tut, dann reagieren wir nicht automatisch mit Fürsorge und liebevoller Aufmerksamkeit. Viel zu oft verlieren wir uns zunächst in harscher Kritik und Selbstvorwürfen.


Unser innerer Kritiker reibt sich die Hände – denn nun kommt sein großer Auftritt:

„Das war ja klar, dass du das nicht hinbekommst!“,

„Wie konntest du nur denken, dass das funktionieren würde?“,

„Du bist ein hoffnungsloser Tollpatsch!“, „Du wirst nie (...) , weil du immer (...).“

Doch stellen wir uns vor, eine gute Freundin kommt zu uns, weil sie einen Fehler gemacht hat und sie ist offensichtlich traurig, aufgewühlt und verletzt. Würden wir so mit ihr sprechen?

Würden wir mit erhobenem Zeigefinger auf sie einreden: „Du hast keinen Trost verdient, denn einen Fehler zu machen ist unverzeihlich und kein Mensch hat es jemals vor dir gewagt, nicht perfekt zu sein!“ Hat es uns jemals getröstet oder weitergebracht von unseren Eltern oder Partnern zu hören: „Ich habs dir doch gesagt!“ oder „Nie/immer machst du (...)!“

Warum sind wir dann so hart zu uns selbst? Warum denken wir, Druck, Abwertungen und Bestrafung würden dazu führen, dass aus uns bessere Menschen werden? Ahnen wir nicht längst, dass Ermutigung die Sonne ist, die uns aufblühen lässt?

 

Den zweiten Pfeil einfach mal stecken lassen

Es ist wie in dieser Metapher von den zwei Pfeilen, die Buddha zugeschrieben wird (und die viele von euch schon kennen mögen): Den ersten Pfeil, der Leid verursacht, können wir nicht vermeiden. Es ist das, was uns zustößt: Verlust, Unglück, Krankheit, Schmerz, Kränkung, Fehler usw.

Häufig reagieren wir auf die Wunde, die dadurch entsteht, aber nicht mit Fürsorge, Mitgefühl und einer angemessenen, heilsamen Handlung (z.B. die Wunde gut versorgen, uns selbst trösten) – sondern wir schießen einen zweiten Pfeil ab: Er besteht aus unseren kritischen Urteilen über uns selbst, aus unseren Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen, den Aggressionen, die wir gegen uns selbst richten. Dieses Leid könnten wir vermeiden. Diese Energie könnten wir bereits in eine konstruktive Lösung und Heilung unserer Wunde investieren.

Ein Satz, eine Art Mantra, das mich dabei unterstützt, mitfühlend zu reagieren, ist mir – manchmal innerlich, manchmal auch laut – zu sagen:

Dies ist ein Moment des Leidens.

Manchmal auch Variationen davon:

Ich mache gerade eine schmerzhafte Erfahrung.
Ich leide in diesem Moment.

Diese Worte erinnern mich daran, dass ich jetzt und hier leide. Und dafür habe ich – egal wie viel Verantwortung ich für dieses Ereignis/Leid auch trage, selbst wenn ich es „total verbockt“ habe – Mitgefühl verdient. Der erste Schritt ist, mich um den Schmerz zu kümmern, die Wunde zu versorgen.

Es macht auch selten Sinn, sich Gedanken darüber zu machen, was ich falsch gemacht habe, solange die Gefühlswogen noch über mich hinwegbrausen. Denn dann kann ich nicht klar denken. Und die monotone Wiederholung von innerlichen Beschimpfungen ist nicht sonderlich konstruktiv. Erst wenn ich mich wieder an einem sicheren inneren Ort befinde habe ich die Kapazität, dem inneren Kritiker zuzuhören, mich bei ihm für seinen Input zu bedanken (denn auch er hat seinen Platz und seine Gründe), und zu entscheiden, was davon hilfreich für die Zukunft ist und worin möglicherweise die Lernerfahrung besteht.

 

Anzuerkennen, dass auch ich Mitgefühl verdient habe, hat mir inzwischen in einigen Situationen geholfen, mein Leid nicht zu verschlimmern, sondern gesund und achtsam damit umzugehen und aus Fehlern zu lernen anstatt mich selbst für meine (höchst menschliche) Unvollkommenheit zu bestrafen.

 

 

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Yoga & Trauma

Ein Trauma erschüttert den Menschen bis in sein Innerstes. Yoga kann einen wertvollen Beitrag dazu leisten, Verwundungen
zu heilen und die Schatten der Vergangenheit zu verwandeln. Dazu muss er allerdings an die Bedurfnisse der Betroffenen angepasst werden. (Ein Text von mir über Yoga & Trauma, der in Yoga Aktuell erschienen ist.)

 

Mehr Artikel von mir findest du hier.

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Die Rückkehr des Sommers
Ein Text über Yoga & Trauma in "Yoga Aktuell" (Nr. 90)
YA90-Trauma-Yoga_88-91.pdf
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Ich bin umgezogen

Ihr Lieben, hier ist es ein wenig still geworden, weil ich in den letzten Monaten mit großen Veränderungen beschäftigt war. Ich bin erneut umgezogen - nicht nur in eine neue Stadt, sondern ein anderes Land: Seit Ende 2014 lebe und arbeite ich in der Nähe von Kempten im Allgäu/Deutschland.

Bald wird es hier wieder mehr von mir geben!

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Mantras - warum Du Dich trauen solltest!

Ach herrje, war das toll: Vergangenes Wochenende beim "Voice of Yoga"-Workshop mit Lulu & Mischka! Bis in die letzte Haarspitze hab ich es wieder gefühlt, wie glücklich es macht, in einer Gruppe zu singen, zu tönen, mit der Stimme zu spielen. Was für eine enorme Kraft Mantras haben! Berührt hat mich auch, dass eigentlich jede Teilnehmerin in der Kennenlern-Runde auf ihre Art ausgedrückt hat, dass ihr das Singen zwar Freude bereitet - aber dass sie sich nicht so recht traut.

Vielleicht weil der Musiklehrer damals einen schlechten Tag hatte und dem kleinen Goldkehlchen verkündet hat, dass es nicht singen kann. Oder weil das, was da aus dem Radio schallt, irgendwie perfekter klingt. Und trotzdem: Am Ende haben wir sie alle abgeschüttelt, die Hemmungen. Aus vollem Herzen gesungen war jedes Lied wunderschön. Danach ist jede Einzelne glückstrunken und grinsend hinausgewankt.

 

Sing trotzdem!

Wie schade, dass so viele "leider schnell weg" müssen, wenn es an das Tönen im Yogaunterricht geht. Maximal ein vorsichtig gehauchtes "Ooohhhhmm" ist manchmal drin. Dabei sind Mantren ein so wertvolles und wirksames Werkzeug. Nicht umsonst gibt es sie eigentlich in jeder spirituellen Tradition. Schon der Name sagt es: das Wort "Mantra" bedeutet "Schutz des Geistes". Und tatsächlich kann ein Mantra nicht nur ein Gebet sein - sondern auch ein Anker. Für die Meditation zum Beispiel. Aber auch, wenn uns Gedanken überschwemmen, wir problematische Emotionen mit unserem endlosen inneren Gequassel immer weiter anheizen. Dann kann es unglaublich hilfreich sein, sich an einem einfachen, vertrauten Mantra festzuhalten. Beschäftigungstherapie für den plappernden Geist. Oder wir nutzen ein Mantra, um uns immer wieder an das zu erinnern, was wichtig ist. "So Ham" - ich bin das. Alles. Mit allem eins.

 

Nebenbei bemerkt eignet sich kaum etwas so gut wie Singen oder Tönen dazu, die Ausatmung natürlich zu verlängern - und damit Stress & Anspannung zu reduzieren. Hör also auf, Deinen Atem zu zählen und die Ausatmung zu forcieren bis Du keuchst (ähm... nicht sehr entspannend). Such Dir ein Mantra und töne es mit Hingabe!

 

Hier noch ein paar Tipps für den Weg:

 

  • Ein Mantra kann gedacht, geflüstert, gesprochen oder gesungen werden. Such Dir aus, was heute zu Dir passt.
  • Es macht wenig Sinn, sich ein kompliziertes siebzehnzeiliges Mantra auszusuchen und während der Wiederholung immer wieder auf den Zettel zu schielen. Damit Du Dich fokussieren kannst, wähle lieber ein einfaches Mantra, das Du Dir leicht merken kannst. Dann fällt es Dir auch ein, wenn Du es am dringendsten brauchst (in turbulenten Zeiten nämlich).
  • Du musst nicht immer ehrfürchtig auf dem Meditationskissen sitzen neben flackernden Kerzen. Sing Dein Mantra unter der Dusche, sing es innerlich in der Warteschlange anstatt Dich zu ärgern, wiederhole es innerlich am Schreibtisch, wenn Du vor lauter Hektik nicht mehr geradeaus denken kannst. Mach es zu Deinem indem Du es so oft wie möglich wiederholst. 
  • Auch wenn es kurz und einfach ist - mach Dich mit der Bedeutung Deines Mantras vertraut. Wenn Du weißt, was Du da singst, ist es einfacher, sich damit zu verbinden. (Auch wenn viele behaupten, dass Mantras auch wirken, wenn man ihre Bedeutung nicht kennt. Das mag durchaus sein. Ich bin der Meinung, sie wirken noch besser, wenn man sie versteht)
  • Es ist egal ob Du singen kannst. Jeder kann Mantras rezitieren. Und sie wirken auch, wenn Du den Ton nicht triffst. Fast immer entsteht eine ganz eigene Schönheit, wenn jemand mit ganzem Herzen singt. Dazu fällt mir ein Zitat ein: "Der Wald wäre sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel singen würden!" (Henry van Dyke) 

 

So, und jetzt zwitscher drauflos!
Sing als hätte Dir nie jemand gesagt, dass Du es nicht kannst.


Als Ansporn hier noch ein paar Lieblingsmantras:

 

Das Gayatri Mantra - gesungen von Spring Groove:

 

Eine wundervolle Version von So Ham - gesungen Lulu & Mischka:

 

Mein persönliches Lieblingsmantra Om asatoma - gesungen von Deva Premal & Miten:

 

Lokah samastah sukhino bhavantu - gesungen von Donna De Lory:

 

Om Tare Tuttare Ture Soha - in der zauberhaften Version von Janin Devi:

 

Für mich Instant-Entspannung mit Gänsehaut-Garantie - das Heart-Sutra von Wah!:

 

 

Foto: © macromania - Fotolia.com

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Mantra #9

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Herzöffner für Fortgeschrittene

Yoga wird für mich immer dann ganz besonders interessant, wenn ich die sichere und gummiweiche Insel namens Matte verlasse. Nicht, dass mir die Herausforderungen in der Praxis ausgehen würden. Aber wie nahe man der Erleuchtung inzwischen gekommen ist, kann man leicht feststellen, wenn es zurück in den Alltag geht. Allein in der Höhle lässt es sich prima entspannen, achtsam und mitfühlend sein. Ich bin aber Fan von denen, die Yoga nicht dazu benutzen, um sich vor dem Leben zu verstecken - sondern, um noch tiefer einzutauchen. Für die Spiritualität nicht zur Ausrede wird, um sich nur noch um den eigenen Bauchnabel zu drehen. Und die ihre Praxis auch über die Grenzen des Mattenparadieses hinaus tragen. Ram Dass hat es auf den Punkt gebracht:
If you think you're enlightened, go visit your family.

 

Gut, Familie. Das ist kein Anfängerkurs mehr, sondern hohe Kunst. Aber auch jede andere Beziehung kann unsere "Matte" sein. Und nirgendwo sonst bekommen wir so viele Gelegenheiten, um uns zu entwickeln. Um an unserer Beweglichkeit und Ausdauer (diesmal eher auf der Geistes- und Herzensebene) zu arbeiten. Gerade in einer Paarbeziehung können wir uns felsenfest darauf verlassen, dass der andere irgendwann unsere schmerzhaftesten Knöpfe drücken wird. Da gibts kein Verstecken und wir können nicht nur unser hübsches, friedvolles, entspanntes Yoga-Gesicht hinhalten. Irgendwann müssen wir uns ganz zeigen. Auch unsere wütende, nervige, eifersüchtige, geizige, sture, verklemmte oder aggressive Seite. Alle Karten kommen auf den Tisch. Und alle Wunden sowieso.

 

Wunderbar! Denn hier geht es dann erst so richtig los mit der Praxis. Kann ich denn auch mitten in einem Streit, wenn alles in mir danach drängt, dem anderen zu beweisen, dass ich recht habe, erstmal eine Pause machen und tief in den Bauch atmen - zum Beispiel, damit das, was ich gleich sage nicht verletzt? Gelingt es mir, meinen inneren Beobachter zu aktivieren und einen klaren Blick auf sich wiederholende Verhaltens- oder Gedankenmuster zu werfen? Vielleicht sogar neue Muster zu zeichnen? Kann ich für meinen Partner Mitgefühl entwickeln, selbst wenn er mich nervt? Spüre ich meine Grenzen und Bedürfnisse auch dann noch, wenn ich jemandem sooo gerne gefallen möchte? 

 

Das ist für mich Yogapraxis für Fortgeschrittene. Und auch wenn drei Stunden Bikram-Yoga am Stück mich nicht so ins Schwitzen und Rudern bringen können, wie 15 Minuten streiten mit meinem Liebsten, bin ich (meistens) dankbar für diese Chance zum Wachstum. Und umso dankbarer für meine Matteninsel. Denn sie ist ein wunderbarer Ort, um immer wieder zurückzukehren zu mir, meinen Grenzen, meinem Bauch, meinem Herzen, meinem inneren Klar- und Deutlichseher, meinen Gefühlen, meiner Weisheit, meiner Liebe. Um Mitgefühl zu entwickeln - mit ihm, aber auch mit mir (besonders dann, wenn ich mal wieder einem alten Muster auf den Leim gegangen bin). Um Kraft zu tanken für den nächsten Köpfler mitten hinein ins Leben.

 

 

Foto: © Maridav /fotolia.com

 

 

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Mantra #8

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Entspann dich, Yogasuperwoman!

Der Mai stand im Zeichen der Fortbildung. Viel Wissen und Inspiration, Lernen und Ausprobieren - als eine, die immer neugierig bleibt, ein großes Vergnügen. Auch, weil ich die Gemeinschaft so genieße. Ich liebe es, mit mutigen, schlauen, schönen, liebevollen Gefährtinnen zu üben, zu atmen, zu reden, zu lauschen, zu schweigen. Wie schade, dass viele von Ihnen gar nicht merken, wie toll sie eigentlich sind. Denn es grassiert eine fiese Krankheit auf den Matten: Yoga-Perfektionismus.

 

Auslöser ist der schräge Irrglaube, Yoga könne und müsse alles und jeden für immer von allem heilen und befreien. Und wer anderen zeigt wies geht, darf dann natürlich selbst keine Probleme mehr haben. Deswegen massiert man sich nur ganz verstohlen und heimlich den schmerzenden Rücken oder die mal wieder gezerrten Bänder. Verrät niemandem, dass man gar nicht alle Asanas beherrscht. Den Kaffee trinkt man wenn, dann mit einem wirklich schlechten Gewissen im Dunkeln. Und niemals würde man offen zugeben, dass man auch mal Regenwetter im Herzen hat. Weil das würde ja dann bedeuten, dass man entweder nicht genug oder nicht richtig praktiziert.

 

Und ja, manchmal stecke auch ich mich mit dem Yoga-Perfektionsmus-Virus an und glaube, ich müsste die Superheldin auf der Matte sein. Frage mich, ob ich denn überhaupt unterrichten darf, wenn ich noch nicht alle Herausforderungen des Yoga gemeistert habe oder nicht in ewig währende Glückseligkeit eingetaucht bin. Gelegentlich über andere Autofahrer schimpfe oder - oh Schreck! - die Fersen im korrekt ausgeführten Hund nicht auf die Matte bringe (jetzt ist es also raus....).

 

Aber spätestens dann, wenn mir eine meiner Kolleginnen wieder verstohlen zuraunt, dass sie ein mords schlechtes Gewissen hat, weil es da noch ein Asana gibt, mit dem sie sich schwertut, sie es nicht jeden Tag auf die Matte schafft oder eben doch manchmal Lust auf Schnitzel hat, dann sehe ich wieder klar und rufe entsetzt aus: Wir müssen, nein wir sollen nicht perfekt sein!

 

Ganz im Gegenteil: We teach best what we most need to learn. Wie willst Du denn Deinen Schülern etwas über den Affengeist erzählen, wenn Du selbst noch nie in Kontakt warst mit Deinem monkey mind?

 

Alle irren herum

Ich werde inzwischen eher misstrauisch, wenn ein Lehrer vorgibt, frei zu sein von unangenehmen Gefühlen und Gedanken, von allen Lastern und Problemen. Die Besten, die mir begegnet sind, sind in diesen Dingen sehr bescheiden. Oder wie es eine kluge Frau in ihrem Blog schon formuliert hat: Wir alle irren herum. Die, die dabei aufrichtig sind, sind meine Vorbilder.

 

Für mich muss eine gute Lehrerin oder ein guter Lehrer, nicht ohne Hände auf dem Kopf stehen und das Yogasutra im Original auswendig zitieren können. Sie/er muss aufrichtig und mit offenem Herzen unterwegs sein. Auf der Matte. Mitten im Leben. Lehrerin sein, Lernende bleiben.

 

Ich wünsche mir sehr, dass sich die Yogaszene dahingehend noch entwickelt. Dass immer mehr es wagen, trotzdem und gerade weil sie nicht perfekt sind hervorragende Lehrerinnen und Lehrer zu sein. Und sich nicht mehr mit Selbstoptimierungsstrategien vom Wesentlichen abzulenken.

 

 

Foto:  Sunny studio/fotolia

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Mantra #7

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Finde Dein sicheres Zuhause

In einem wundervollen TED-Talk erklärt Elizabeth Gilbert, Autorin des Megasellers "Eat, Pray, Love" wie sie gelernt hat, von Erfolg und Scheitern unabhängig zu werden. Inspirierend & ermutigend!

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Mantra #6

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Mach es wie das Herz

Immer mal wieder passiert es: Ich verzettle mich zwischen Müssen und Wollen und Sollen (ja, auch Yogalehrerinnen... ;)). Irgendwo im Dschungel meiner Ansprüche an mich selbst und den Erwartungen anderer geht mir die Achtsamkeit verloren und es wird eng. Der Handlungsspielraum scheint auf Streichholzschachtelgröße zusammenzuschrumpfen und mein Kopf fragt atemlos: Wie soll ich das alles schaffen? Wie soll ich es allen recht machen?

 

Was ich dann am dringendsten brauche, genau jetzt, wenn die To-Do-Liste so lange geworden ist, dass ich eigentlich überaupt keine Zeit für eine Pause auf dem Meditationskissen habe, ist.... ein Pause auf meinem Meditationskissen.

 

Innehalten. Dem Stress wenigstens zehn Minuten abringen. (Ja, das geht!) Denn wenn ich meinem Atem fünf Minuten gelauscht habe, dann komme ich auch wieder in Kontakt mit meiner inneren Weisheit, die sich ganz sicher ist, dass ich es nicht allen recht machen kann und es auch nicht muss. Dann erinnere ich mich an das einprägsame Bild, das mein Lehrer uns einmal mitgegeben hat:

 

"Macht es wie das Herz. Es versorgt sich zuerst selbst mit Blut - und dann den restlichen Körper. Anders kann es nicht funktionieren. Hat es selbst zu wenig, kann es nichts weitergeben." Aha, aja: Es erst mir selber recht machen, dann hinspüren, was ich geben kann und möchte. Ja, ich mach es wie das Herz.

 

Ein anderer weiser Mensch hat es einmal so ausgedrückt: "Dein Mantra für die nächsten Wochen lautet: Nein, muss ich nicht."

 

 

Foto: segovax/pixelio.de

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