Achtsam zuhören – was ich gelernt habe

Kennst du das Gefühl, wenn du mit jemandem sprichst und du merkst, dass er nur darauf wartet, dass du fertig bist, damit er endlich reden kann?
Oder wenn jemand eifrig nickt, aber du merkst, dass er eigentlich gedanklich woanders ist?
Vielleicht kennst du auch die Frustration, die auftaucht, wenn du jemandem anvertraust, dass du traurig bist und er sofort antwortet: „Ist doch nicht so schlimm! Kopf hoch!“

Richtig zuhören geht anders. Es ist ein Geschenk, das wir jemandem machen und eine Chance, uns mit anderen zu verbinden. Aber was macht einen guten Zuhörer aus? Und wo kommt da die Achtsamkeit ins Spiel? Ich verrate dir mal, was ich darüber weiß...

 

Die Kunst des Zuhörens

Achtsame Kommunikation beginnt beim Zuhören. Wenn ich das Gefühl habe, dass mir jemand wirklich mit offenen Ohren und einem offenen Herzen lauscht, dann fühle ich mich nicht nur gehört, sondern auch gesehen. Vielleicht sogar verstanden, verbunden. Nur Anfänger glauben, dass Zuhören etwas ist, das jeder kann. In Wahrheit ist es große Kunst – zumindest in einer Welt, in der uns gern vermittelt wird, dass es darum geht, lauter zu schreien als alle anderen, um gehört zu werden. Und in der Stille ein mulmiges Gefühl bei den meisten erzeugt.

Ich bin was das Zuhören angeht wahrscheinlich nicht mehr blutige Anfängerin, aber ganz bestimmt noch kein Maestro. Ich glaube, ich bin schon deutlich geduldiger und achtsamer geworden. Aber manchmal unterbreche ich immer noch mein Gegenüber, weil es mit mir einfach durchgeht. Weil mir so viel dazu einfällt, worüber wir sprechen, und meine Begeisterung oder mein ideenreiches Hirn meine Achtsamkeit kidnappen.

 

In verbundenheit ratlos sein

Eine Sache, die ich immer besser beherrsche, ist mein Helfersyndrom im Zaum zu halten. Denn ich erlebe es selbst immer öfter als frustrierend, wenn jemand sofort mit einem guten Rat oder einem aufmunternden Spruch daherkommt, wenn ich ihm schildere, was mich gerade beschäftigt oder was ich fühle. Ich fühle immer deutlicher, dass das oft damit zu tun hat, dass mein Gegenüber selbst nicht gut aushält, wenn ich z.B. ärgerlich, überfordert oder traurig bin. Manchmal bringt das den Zuhörer mit seiner eigenen Melancholie, Wut oder Hilflosigkeit in Kontakt. „Also schnell her mit dem Lösungskleister – alles sofort schön zuspachteln, damit es mir nicht unangenehm ist, wie es dir geht... naja, eigentlich wie es mir geht!“

Ich wünsche mir wirklich, dass meine Vertrauten nicht gleich die Lösung für meine Probleme servieren oder sofort eine Antwort parat haben (außer ich bitte darum) – sondern einfach mal mit mir gemeinsam ratlos sind. Dass wir in Verbundenheit dasitzen und zusammen mit den Schultern zucken können. Dass jemand einfach sagt: „Aha, so ist das grad bei dir. Ich seh dich, ich hör dich. Ich find dich okay. Ich kann verstehen, dass du dich so fühlst. Das ist grad nicht leicht, hm?“

Und damit meine ich übrigens Empathie und Mitgefühl – nicht Mitleid. Zwei meiner Heldinnen haben die perfekten Worte gefunden, um den Unterschied zu beschreiben:

„Wenn wir also üben, Mitgefühl hervorzubringen, dann müssen wir uns mit unserer Furcht vor dem Schmerz auseinandersetzen. Die Praxis des Mitgefühls ist etwas für Unerschrockene. Dazu gehört, dass wir uns entspannen lernen und uns erlauben, näher an das heranzukommen, was uns Angst macht... Mitgefühl ist keine Beziehung zwischen dem Heiler und dem Verwundeten. Es ist eine Beziehung zwischen Gleichen. Nur wenn wir unsere eigene Dunkelheit gut kennen, können wir für die Dunkelheit eines anderen präsent sein. Mitgefühl wird dann wirklich, wenn wir uns unseren gemeinsamen Menschseins bewusst werden.“

(Pema Chödrön)

„Als stärkstes Werkzeug des Mitgefühls ist Empathie eine emotionale Fähigkeit, die uns erlaubt, auf andere sinnvoll und fürsorglich zu reagieren. Empathie ist die Fähigkeit zu verstehen, was jemand erlebt, und dieses Verständnis widerzuspiegeln. Hier sei angemerkt, dass Empathie heißt zu verstehen, was jemand fühlt, und nicht, es für ihn zu fühlen. Wenn jemand sich einsam fühlt, verlangt Empathie nicht von uns, uns auch einsam zu fühlen, sondern nur, auf unsere eigene Erfahrung mit Einsamkeit zurückzugreifen, damit wir den anderen verstehen und mit ihm Verbundenheit entwickeln können. (...)
Mitleid entfernt uns voneinander... Statt das starke „Ich auch“ der Empathie zu vermitteln, kommuniziert er: „Ich nicht“, und fügt dann hinzu: „Aber es tut mir für dich leid.“ Mitleid löst eher Scham aus, als dass es sie heilt.“

(Brene Brown)

 

Ohren & herzen auf: 3 Tipps für mehr Achtsamkeit

Vor Kurzem habe ich auch ein Seminar zum Thema „Interpersonelle Achtsamkeit“ im Rahmen meiner Weiterbildung besucht, darum beschäftigt mich das Thema gerade sehr und ich hab dort sehr deutlich gemerkt, welchen Unterschied es macht, wenn mein Gegenüber eine achtsame Haltung einnimmt. Wir haben folgende Dinge geübt:

 

1. bleib offen & neugierig

Wir neigen so schnell dazu, ein Urteil zu fällen, zu bewerten und Dinge in Schubladen zu stecken. Das ist nichts Schlechtes, sondern hilft uns in vielen Situationen dabei, gut durchs Leben zu kommen. Aber es verhindert manchmal auch, dass wir unserem Gegenüber wirklich zuhören und auch die Zwischentöne bemerken. Oder führt dazu, dass wir eine Antwort geben, bevor wir wirklich verstanden haben, was die Frage ist (und ob überhaupt eine gestellt wurde). Vielleicht, weil du deine Freundin schon gut kennst, und zu wissen meinst, was jetzt gleich kommt. Oder weil du Ähnliches schon selbst erlebt hast und in dieser Sache Bescheid weißt (oder das zumindest glaubst).
Versuch mal deine innere Festplatte zu löschen und mit Interesse, Unvoreingenommenheit und offenem Herzen zuzuhören – so als hättest du noch nie etwas über diese Sache gehört. Bleibt auf Augenhöhe und stell dich nicht über den anderen, indem du es besser zu wissen meinst. Vielleicht forscht ihr gemeinsam bis die Antwort im anderen auftaucht.

 

2. Bleib mit dir in Kontakt

Versuch während des Zuhörens auch achtsam zu bleiben für deine eigenen Empfindungen und Reaktionen, die vielleicht auftauchen. Macht sich irgendwo in deinem Körper eine Resonanz auf das Gehörte bemerkbar? Bekommst du einen Knoten im Bauch oder klopft dein Herz schneller? Macht es dich traurig, betroffen, wütend, freudig, aufgekratzt? Gibt es einen Impuls, der auftaucht – und kannst du ihn einfach wahrnehmen ohne ihn sofort auszusprechen, zu reagieren oder zu handeln? Wenn du dazu neigst, die Probleme anderer sofort lösen oder helfen zu wollen: Kannst du diesen Wunsch einfach fühlen und da sein lassen? In dem Vertrauen, dass du dem anderen schon durch dein Zuhören und Dasein ein wundervolles Geschenk machst?

 

3. bleib verbunden

Besonders wenn wir mit Nahestehenden kommunizieren, die mit einem falschen Wort unser „Knöpfe“ drücken können – mit Eltern oder dem Partner – dann kann es sein, dass wir sehr schnell im Kampfmodus sind und den anderen als Gegner wahrnehmen. Mir hilft es dann, mich immer wieder daran zu erinnern, dass ich fest davon überzeugt bin, dass wir alle immer das Beste tun, das uns in diesem Augenblick möglich ist (was nicht heißt, dass wir uns nicht in einem nächsten Moment entwickeln können). Oder wie es die beeindruckende Poetin Maya Angelou formuliert hat: „If we knew better, we would do better.“ Ich versuche nicht zu vergessen, dass alle Wesen auf diesem Planeten glücklich sein wollen – auch mein Gegenüber, auch in diesem Moment. Das verbindet uns zu jedem Zeitpunkt. Wenn ich mich daran erinnere, dann beginnt meine innere Verhärtung zu schmelzen und ich kann versuchen, mich in den anderen und seine Perspektive einzufühlen bzw. danach zu fragen.

 

Zuhören wie momo

Besonders schön hat Michael Ende in "Momo" formuliert, was echtes Zuhören bewirken kann:

 

"Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war das Zuhören.

Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur recht wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.

 

Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte – nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme.

Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm plötzlich Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten.

 

Sie konnte so zuhören, dass ratlose, unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten.

Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten.

Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden.

 

Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf denen es überhaupt nicht ankommt, und er ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf – und er ging hin und erzählte das alles der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war.

So konnte Momo zuhören!"

 


Wenn du Lust hast mir von deinen Erfahrungen mit dem Zuhören zu erzählen, dann ab in die Kommentare damit – ich freue mich, von dir zu lesen und lausche gespannt...

 

 

Foto: unsplash.com/Jorge Flores

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Kommentare: 2
  • #1

    Stefan (Montag, 26 Juni 2017 23:56)

    Liebe Melanie,du sprichst mir aus dem Herzen. Eine wunderbare Anregung, sich mehr mit dem Gefühl für den anderen verbinden zu können und dadurch auf tiefer Ebene mit seinem wahren Selbst. Danke!

  • #2

    Melanie (Dienstag, 27 Juni 2017 08:26)

    Vielen Dank für deine Rückmeldung Stefan – freut mich!