Meinen Körper lieben lernen: Was wirklich hilft

Ich möchte mich verlieben! Aber nicht in einen Traumprinzen – sondern in meinen Körper. Darüber habe ich hier ja schon vor Kurzem berichtet. Denn ich erwische mich immer noch oft genug bei Gedanken, die so oder so ähnlich lauten: "Wenn ich nur beweglicher/dünner/jünger wäre, dann wäre ich glücklicher/verliebt, verlobt oder verheiratet/eine bessere Lehrerin."

Vielleicht ist dir diese Art zu denken auch vertraut? Tara Brach, eine von mir sehr geschätzte Lehrerin, nennt sie: "If only..."-Mind. Eine wirksame Methode, sich verlässlich und unverzüglich schlechter zu fühlen und erstklassiges Benzin für die Selbstoptimierungs-Maschine.

Ich übe also, diese Gedanken, wenn sie auftauchen, möglichst bald wieder ziehen zu lassen. Und mich meinem Körper stattdessen freundlich, fürsorglich und sanft zuzuwenden. Was mir dabei hilft und was ich für nicht so hilfreich halte, darum soll es heute in diesem Blogpost gehen...

 

immer schön bei der wahrheit bleiben

Ja, ich glaube fest daran, dass wir alle – auf unsere ureigene Art – schön sind. Mir ist noch kein Mensch begegnet, an dem ich nicht etwas gefunden hätte, was mir gefällt: Augen, Beine, Hände, ein Lächeln oder die Art, wie jemand sich bewegt oder spricht. Ich glaube also auch: Ich bin schön. Du bist schön.

 

Woran ich aber nicht glaube sind positive Affirmationen. Also die Methode: Stell dich vor den Spiegel und sag dir jeden Tag wie schön du dich findest/dass du dich liebst. Irgendwann wird es dann auch wahr.

 

Ich weiß, das viele Bücher und Experten solche Methoden empfehlen. Für mich haben sie nie funktioniert. Noch bevor ich solche Sätze zu Ende gesprochen habe, rollt in mir etwas mit den Augen. Mag sein, dass es mein innerer Kritiker ist, der sowieso kein gutes Haar an mir lässt. Neben ihm steht aber auch freundlich nickend meine innere Weisheit – denn sie weiß, dass ich mir das nicht glaube.

 

Übrigens geht das nicht nur mir so: Studien haben gezeigt, dass positive Affirmationen auch nach hinten los gehen können. So sollte sich z.B. eine Gruppe von Menschen immer wieder den Satz vorsagen "Ich bin ein liebenswerter Mensch". Das Ergebnis war, dass er jenen Menschen gut getan hat, die ohnehin positiv über sich dachten. Wer eher ein negatives Selbstbild hatte, bei dem wurde die Stimmung noch gedrückter – denn er wusste ja, dass der Satz in Wirklichkeit nicht zu seiner inneren Überzeugung passte. (Mehr über die Studie findest du in dem Buch "Sei nicht so hart zu dir selbst" von Andreas Knuf)

 

Ähnliche Erfahrungen machen einige Menschen, wenn sie etwas Schwieriges erleben und andere sagen: "Nimms doch nicht so schwer!". Manchmal mag dies hilfreich sein. Andere Male fühlt man sich dann auch noch schlecht und schuldig, weil es eben nicht gelingt, die Sache leicht zu nehmen. Wir fühlen uns dadurch verantwortlich für die Gefühle, die wir haben – obwohl wir diese nicht einfach "machen" können wie wir wollen.

 

Ich bin fest überzeugt, dass Sätze, die wir uns selbst sagen, glaubwürdig sein müssen, damit sie wirken können. Wenn du also deine Haare/dein Lächeln/deinen Bauch wirklich magst, dann erinnere dich daran so oft wie möglich - yay! Aber ich denke nicht, dass es funktioniert dich jeden Tag vor den Spiegel zu stellen und dir etwas vorzusagen, woran du eigentlich nicht glaubst. Ich mache das schon lange nicht mehr. Ich ziehe es vor, nicht mehr im Widerstand zu sein mit der Realität.

 

dankbarkeit ist (m)ein zaubertrank

Wenn der Kampf wirklich aufhören soll, dann gilt es, zu akzeptieren, was ist. Für mich gehört dazu auch, jene Momente anzunehmen, in denen ich mich überhaupt nicht liebhaben kann wie ich bin. Und mich dann auf die Suche zu machen nach Worten oder Übungen, die mir helfen, zärtliche, sanfte, warme Gefühle in mir wachzurufen. Zum Beispiel kann ich Mitgefühl mit selbst haben - weil es wehtut, wenn mein innerer Kritiker erbarmungslos über mich herfällt. Oder - der Joker unter den Übungen - ich versuche es mit Dankbarkeit.

 

In der Glücksforschung hat sich gezeigt, dass es kaum etwas gibt, dass unsere Lebensqualität so erhöhen kann, wie das Kultivieren von Dankbarkeit. Und kaum etwas eignet sich dafür so gut wie unser Körper.

 

"Waaaaas?" murmelst du jetzt vielleicht etwas ungläubig in dich hinein. Und ich sage noch einmal: Es gibt wenig wofür wir so dankbar sein können wie unseren Körper. Für mich reicht es schon, mich mit meinem Herzschlag zu verbinden - und schon fällt meine Kinnlade wieder staunend nach unten: Dieser kleine, unerbittliche Muskel schlägt und schlägt und schlägt... Ohne dass ich daran denken oder irgendetwas dazu tun muss, hält er mich am Leben. Selbst als ich das Leben nicht mehr besonders mochte, blieb er beharrlich und wusste, dass es weitergeht. 

 

Manchmal danke ich auch meinen Füßen, die so klein sind im Vergleich zu meinem restlichen Körper und mich so verlässlich überall hin tragen. Meinen Händen – ohne die ich diese Zeilen nicht schreiben oder meine Ideen nicht zur Wirklichkeit machen könnte. Meiner Haut, wenn eine Wunde so wunderbar und irgendwie magisch innerhalb von wenigen Tagen heilt und verschwindet. Ich danke meinen Lungen, wenn ich spazieren gehe und die feuchte, harzige Waldluft tief einatmen darf. Und jedes Mal, wenn ich auf dem Kissen sitze und meinen Atem beobachte, dann danke ich ihm, dass er mich treu begleitet – von meiner Geburt bis zu meiner letzten Minute – und ein Anker ist, an dem ich mich immer festhalten kann.

 

Wenn ich mir das Wunder bewusst mache, das dieser Körper ist - so komplex, eingespielt, intelligent, fragil und wunderschön - dann erscheint es mir geradezu albern, dass ich ihn manchmal in eine bestimmte Form pressen oder seinen Wert anhand einer Waage bestimmen will. Dann bin ich voller Liebe und Dankbarkeit.

 

The Lovestory continues...

And she lived happily ever after? Nein, da bin ich noch nicht. Aber das Klima in meinem Inneren wird zunehmend wärmer. Die Suche nach funktionierenden Wegen zu mehr Selbstliebe bzw. -akzeptanz geht weiter und natürlich halte ich dich hier darüber auf dem Laufenden, was für mich gut funktioniert und was weniger. Ich kann dir nur empfehlen, immer selbst auszuprobieren, was für dich stimmt, eigene Erfahrungen zu sammeln und dir dabei zu vertrauen.

Denn wenn ich etwas wirklich gelernt habe, dann (unter anderem):

 

Es gibt nicht den einen Weg. Es gibt nur deinen Weg. Es führt keine Umleitung daran vorbei, herauszufinden, was einem gut tut und was nicht. Niemand kann uns das abnehmen. Aber das ist ja noch so ein Wunder, für das wir dankbar sein dürfen: Alle Antworten liegen in uns. Wir brauchen keinen Guru, keinen magischen Schlüssel, kein 400 EUR-Webinar. Sie alle mögen uns ein Stück begleiten und vielleicht auch hilfreiche Wegweiser sein. Aber niemand setzt die Schritte für uns und niemand weiß besser, welcher unser Weg ist als wir selbst.

Das ist doch mal ein Happy End.

 

 

Foto: unsplash.com/Annie Spratt

Kommentar schreiben

Kommentare: 0