Welche Geschichte erzählst du dir?

Es war einmal eine Frau, die lebte unter Prinzessinnen. Doch wann immer sie versuchte, sich ein Krönchen zu verdienen, gelang es ihr nicht. Denn sie war viel zu unvollkommen, um auch zur royalen Gemeinschaft zu gehören.

 

So oder so ähnlich geht eine Geschichte, die ich mir früher oft erzählt habe. Oder hier die Kurzfassung einer Freundin, die mich schon sehr lange kennt: „Du bist blau und schleimig und alle anderen grün und glitzernd.“

 

Nicht besonders schön und ganz bestimmt keine Gute-Nacht-Geschichte zum Wohlfühlen und Einmummeln. Aber ich habe sie mir dennoch erzählt und zwar weil es zutiefst menschlich ist, das zu tun. Unser Geist erzählt uns unaufhörlich Geschichten – über das Leben, über andere, über uns.

 

Zum einen, weil es einfach das ist, was er tut: So wie die Lunge atmet und die Speicheldrüsen Speichel produzieren, fabriziert unser Gehirn eben Gedanken.
Zum anderen helfen uns Geschichten dabei, uns im Leben besser zurecht zu finden. Gerade in herausfordernden Situationen kommen wir oft in Kontakt mit unserer Unsicherheit, Verletzlichkeit und mit der Unberechenbarkeit und Unkontrollierbarkeit des Lebens. Es ist natürlich, dass wir dann Halt suchen – und zwar so schnell wie möglich.

 

Die unsicherheit nicht spüren müssen

Erklärungen und Geschichten geben uns Halt. In ihnen gibt es gut und böse, richtig und falsch, klare Ziele, einen Schuldigen. Sie geben den Dingen, die geschehen, einen Sinn. Unser Gehirn belohnt uns sogar dafür: Wenn wir so etwas wie ein Muster erkennen, etwas einordnen können, dann gibt’s dafür eine Dosis Dopamin (ein Glückshormon, dass unseren Antrieb steigert). Wir fühlen uns besser und haben das Gefühl, die Dinge im Griff zu haben.

Das Geschichtenerzählen ist also eine verständliche Strategie unseres Geistes. Leider gibt es da ein Problem: Es ist nicht immer wahr, was wir uns da erzählen. Manchmal handelt es sich eher um Märchen.

 

So wie meine ehemaligen Lieblingsgeschichten: „Ich bin schuld“ und „Ich bin nicht gut genug“. Natürlich sind sie alles andere als wahr. Einst haben sie vielleicht Sinn gemacht: Kinder geben sich oft die Schuld für Dinge, weil die Erkenntnis, dass Bezugspersonen nicht immer verlässlich und gut sind, zu bedrohlich wäre. Wenn sie die Liebe, die sie brauchen, nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen erhalten, dann beginnen sie sich irgendwann zu erzählen: „Ich bin halt nicht gut genug – ich muss mich mehr anstrengen“.

Heute werde ich immer hellhörig, wenn in meinem Inneren das schleimig-blaue Gefühl auftaucht und mein Gehirn Sätze ausspuckt wie: „Du bist das Problem/Du bist (allein) schuld!“ Nicht, weil ich mich weigere, Verantwortung für meine Fehler zu übernehmen. Sondern, weil ich verstanden habe, dass die Dinge eben oft komplexer sind, ich kein Problem bin, das es zu lösen gilt, und ich mir auch nicht jeden Schuldschuh anziehen sollte, den mir irgendjemand hinhält.

Es kann also sehr hilfreich sein, sich die Geschichten, die man sich – oft ganz reaktiv – vorsagt, einmal unter die Lupe zu nehmen. Warum?

Weil wir so „Schlüsselerkenntnisse darüber gewinnen, wer wir sind und wie wir anderen begegnen.“ (Brene Brown in "Laufen lernt man nur durch Hinfallen")

Weil wir das, was der Kommentator in unserem Kopf so labert,  zu oft für bare Münze nehmen und unsere Grübeleien, Urteile und Sorgen gerne mit der Realität verwechseln. Und so hat unser Gedankenstrom auch eine enorme Wirkung auf unsere Stimmung, unser Verhalten, unsere Identität, ja unser gesamtes Leben.

 

Den Gedankenstrom achtsam wahrnehmen

Was hilft uns dabei, uns nicht mehr Bären von unserem Geist aufbinden zu lassen? Achtsamkeit! Durch die Praxis lernen wir, Gedanken, die in unserem Geist auftauchen, oder Erfahrungen, die wir machen, wahrzunehmen – ohne uns sofort mit ihnen zu identifizieren oder uns in einer gewohnten Story zu verstricken. So wird uns allmählich bewusst, was wir überhaupt so vor uns hindenken und welche Lieblingsgeschichten wir im Standardrepertoire haben.


Ein Beispiel: Wenn du regelmäßig Nackenschmerzen hast, dann erzählst du dir wahrscheinlich irgendwann eine Geschichte über deinen Nacken, die mit Schmerzen und unangenehmen Erfahrungen zu tun hat. Aber das stimmt nicht immer mit deiner realen Erfahrung im Moment überein. Es gibt ganz bestimmt auch schmerzfreie Phasen – die du mit etwas mehr Achtsamkeit nicht verpasst.

 

Neubewertung durch Schreiben

Eine andere gute Strategie ist das Schreiben. Besonders, wenn uns eine Situation aufwühlt oder herausfordert und wir geneigt sind, reaktiv zu handeln (z.B. jemanden zu beschuldigen – und sei es uns selbst), kann es hilfreich sein, sich hinzusetzen und alles ungefiltert aufzuschreiben, was in uns vorgeht. Das kann in ganzen Sätzen oder Stichworten geschehen, da gibt es kein richtig oder falsch. Ein guter Einstieg könnte sein: „Die Geschichte, die ich mir gerade erzähle ist...“

Brene Brown empfiehlt, wirklich alles – auch die fiesen Dinge, für die wir uns schämen – aufs Papier zu bringen und dann, wenn sich die Emotionen etwas beruhigt haben und wir klarer sehen können, an die Neubewertung zu gehen. Fragen, die man sich dabei stellt, können z.B. sein:

  • Was weiß ich objektiv über die Situation? Was weiß ich wirklich? Wie lauten meine Annahmen?
  • Was gibt es noch über die Menschen, die beteiligt sind, zu wissen? Was gilt es zu klären? Welche Fragen könnten helfen, sie besser zu verstehen?
  • Was liegt meiner Reaktion zugrunde? Was fühle ich wirklich? Was kann ich noch über mich selbst wissen und verstehen?

Das Schreiben und Neubewerten kann uns wirklich dabei helfen, mehr über uns und unsere Geschichten zu erfahren und dadurch weiser, mutiger und anders als gewohnt zu handeln. Wir glauben nicht mehr jedes Märchen, das wir uns erzählen und schreiben neue Geschichten in unser Leben hinein. Zum Beispiel, das wir schon immer gut genug waren und wir Königinnen, nicht Prinzessinnen sind.

 

 

Hast du Lust deine Geschichten zu entdecken und zu erforschen?

Dann ist vielleicht der Retreat "Seelenzeit" mit der wundervollen Laya Commenda und mir im Juli 2017 etwas für dich!

Dort werden wir uns viel Zeit nehmen, um in uns hinein zu lauschen, Achtsamkeit zu üben und aufzuschreiben, was uns bewegt.

 

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Mehr Infos & die E-Mail-Adresse zur Anmeldung findest du hier.

 

 

Foto: unsplash.com/Brooke Cagle

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