Warum Selbstmitgefühl kein Zuckerguss ist

Ein Vorurteil, dem man immer wieder begegnet, wenn es um Achtsamkeit und Selbstmitgefühl geht, ist, dass Menschen Angst davor haben, dass sie "lasch" werden, wenn sie zu freundlich zu sich sind. Viele denken, wenn sie nicht immer schön die Peitsche schwingen im Umgang mit sich selbst, dann liegen sie nur noch selbstgefällig und -genügsam auf der Couch und finden sich dabei völlig prima. Über jedes Problem kommt dann Selbstmitgefühl als Zuckerguss: Och, nicht so schlimm. Da kann ich aber nix dafür, muss an den anderen liegen. Ich gönn mir noch eine Runde Selbstmitleid. Ziele? Brauch ich nicht mehr.

Doch das hat mit Achtsamkeit & Selbstmitgefühl wenig zu tun: Wenn wir klar sehen und annehmen, was gerade wahr ist, bedeutet das auch, Verantwortung zu übernehmen

Achtsamkeit heisst hinschauen, was wahr ist

Wer denkt, dass eine regelmäßige Praxis dazu führt, dass man sich nur noch auf dem Ruhekissen Achtsamkeit zurücklehnen kann, den muss ich leider enttäuschen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Für mich bedeutet das Innehalten und Hinschauen auch immer wieder, unerschrocken und ehrlich zu sehen, was gerade da ist. Was gerade wahr ist. Und das ist nicht immer schön und angenehm süß. Achtsamkeit ist eben keine Wohlfühl- oder Entspannungspraxis (auch wenn sie über die Zeit zu mehr Wohlbefinden und Gelassenheit führt). Mit dem zu sein, was gerade ist, kann auch bedeuten, sich mit Wut, Angst oder Traurigkeit aufs Kissen zu setzen. Es bedeutet, ganz ehrlich mit sich zu sein – und das heißt manchmal auch, sich einzugestehen, dass man auf den Holzweg abgebogen ist.

 

Ich hab das selbst gerade wieder hautnah erfahren: Vor Kurzem bin ich zu einem weiteren Seminarblock meiner Achtsamkeitsweiterbildung gefahren. Ich wusste, dass mich intensive Tage der Praxis erwarten und hatte ein wenig Bauchgrummeln deswegen, weil ich schon ahnte, was mir dann begegnen würde: meine Erschöpfung. Ich habe in den letzten Wochen wieder einmal viel zu viel gearbeitet und bin über meine Grenzen gegangen. Mir war klar, dass ich im Seminar nicht mehr davor davonlaufen konnte und, dass ich auch all den unangenehmen Gefühlen in die Augen schauen würde müssen, die das in mir auslöst. Zum Beispiel der Scham darüber, dass es mir als Achtsamkeitslehrerin auch immer noch passiert, dass ich unachtsam mir selbst gegenüber bin, und manche Runde auf dem Karussell des Lebens eben mehrmals drehe (...komisch, ich bin wohl immer noch ein Mensch ;)).

 

Verantwortung übernehmen

Die Achtsamkeitspraxis ist für mich ein sicherer Ort, wo alles sein darf wie es ist – eben weil ich weiß, dass ich mir selbst dabei freundlich, offen und mitfühlend begegne. Wenn meine erbarmungslose innere Kritikerin mit der Bratpfanne wedelt, dann fällt es mir eher schwer, mir Unangenehmes einzugestehen. Aber mit dem notwendigen Selbstmitgefühl konnte ich meine Erschöpfung in ihrem ganzen Ausmaß spüren, fürsorglich mit mir sein und mir eingestehen, dass ich mal wieder zu sehr funktionieren wollte. Und dabei ist mir wieder sehr deutlich geworden, dass diese Praxis für mich auch bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Die volle Verantwortung dafür, wie es mir geht. Solange ich weiter im Hamsterrad meine Runde gedreht habe, konnte ich über vieles gar nicht nachdenken, Gefühle wegdrücken, vor mich hinjammern und – weitermachen. Als ich innegehalten und wahrgenommen habe, was gerade bei mir los ist, da wurde mir klar, dass dieses ehrlich Hinschauen auch von mir verlangt, jetzt entsprechend zu handeln und für mich zu sorgen. Ich kann dir sagen, das war alles andere als zuckersüß!

 

Nun, wenn du jetzt denkst, das ist halt meine persönliche Geschichte, dann kann ich dir zum Abschluss noch Folgendes mitgeben: Es gibt inzwischen einige Studien, die ganz klar belegen, dass Achtsamkeit und Selbstmitgefühl uns nicht einlullen und untätig machen, sondern dass wir – ganz im Gegenteil – viel eher zu Veränderungen in der Lage sind, wenn wir uns dabei selbst liebevoll begleiten anstatt uns mit fieser Kritik, Drohungen und Durchhalteparolen vor uns herzujagen. Wie heißt es so schön: "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht." Düngen und pflegen wirkt da schon eher. Dann können wir richtig aufblühen.

 

 

Foto: unsplash.com/Thomas Kelley

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