Nachhause kommen in den Körper

Ich bin immer noch sehr bewegt: Heute habe ich den Film "Embrace" gesehen – vielleicht hast du schon davon gehört. Die Dokumentation der Australischen Fotografin Taryn Brumfitt (der von Nora Tschirner mit produziert wurde) befasst sich mit der Frage, ob und wie Frauen lernen können, ihren Körper zu lieben – so wie er ist.
Ich wusste, dass ich diesen Film unbedingt sehen will, denn eine Frage treibt mich seit Jahren intensiv um: Was würde geschehen, wenn wir Frauen all die Zeit, Energie und Gedankenkraft, die wir in unsere Schönheit bzw. das Herummäkeln an unserem Körper stecken, in etwas anderes investieren würden? Unsere Ideen, unsere Taten, unsere Beziehungen, unsere Schöpferkraft?
Ich glaube wir würden Atemberaubendes in die Welt bringen...

Hauptsache schön?

Schon im Trailer von "Embrace" spricht Taryn Brumfitt etwas an, was mich immer wieder beschäftigt: Warum denken wir Frauen oft immer noch, dass schön/attraktiv zu sein, das Wichtigste für uns ist? Das Größte, was wir erreichen können? Wo wir doch so wunderbare Dinge tun, erschaffen, sein können? Wenn wir doch schon liebenswert und fabelhaft sind?

 

Ich kenne viele großartige, kreative, inspirierende, kluge, kraftvolle, visionäre, liebevolle, mutige, starke Frauen - und es ist kaum eine darunter, die sich nicht (zu) viele Gedanken darüber macht, ob sie schön genug ist. Die man nicht nachts jederzeit wecken könnte und sie würde einem noch im Halbschlaf ihre Makel aus dem Ärmel schütteln. Die eigene Größe dagegen, die Schönheit, die in ihrer Power, ihrer Leidenschaft, ja sogar ihren "Makeln", die sie so einzigartig machen, liegt – blinde Flecken für die meisten von uns...

 

Ich will lernen, diesen Körper zu lieben

...ja uns. Das Thema bewegt mich so, weil ich es selbst gut kenne. Auch ich bin habe früh gelernt, den eigenen Körper kritisch zu betrachten, abzuwerten. Immer ein "zu" auf den Lippen – zu groß, zu dick, zu breit, zu wabbelig, zu wenig hiervon, zu viel davon.

Auch ich habe einst verlernt, in meinem Körper zu wohnen, ihn von innen heraus zu fühlen, und stattdessen begonnen, ihn nur noch von außen zu beäugen. Eine Essstörung führte zu massiven Gewichtsschwankungen in meinen Zwanzigern - mal war ich pummelig, mal untergewichtig. Die einzige Zeit, in der ich nicht darüber nachgedacht habe, noch dünner werden zu wollen, war als ich so traurig war, dass ich nicht mehr essen konnte. Es fühlte sich also alles andere als "perfekt" an.

 

Seit Jahren übe ich, mit meinem Körper Freundschaft zu schließen. Ich bin einige Schritte auf diesem Weg gekommen – vor allem meine Selbstmitgefühls-Praxis und ein veränderter Blick auf Yoga haben mir dabei sehr geholfen. Heute mache ich nicht mehr Sport, um Kalorien zu verbrennen, sondern aus Freude an der Bewegung. In meiner Yogapraxis geht es nicht mehr darum, "besser" zu werden – sondern mich mit mir selbst zu verbinden, meinen Körper zu spüren, zu genießen, ihm Gutes zu tun.

An miesen Tagen fällt es mir immer noch schwer, alles so anzunehmen wie es ist. Aber ja, ja, ja - ich will es lernen! Solange bis ich hoffentlich irgendwann jede einzelne Falte und jede Cellulitedelle an mir liebhaben kann. An keinem Tag mehr vergesse, dankbar zu sein dafür, was mir dieser Körper ermöglicht. Ich will meine Gedanken, meine Energie, meine Lebenszeit nicht länger verschwenden für etwas so Belangloses, Vergängliches. Will nicht geliebt werden dafür, eine hübsche Deko zu sein.

 

Als ich heute aus dem Kino gekommen bin, habe ich bewusst versucht, in meinem Körper zu bleiben. Die Schritte auf dem Boden zu fühlen. Den Blick nicht zur Seite zu richten, um mich über die Spiegelung im Schaufenster von außen zu betrachten. Da kam ein Windhauch und streichelte mir sanft und freundlich die Wange... wie oft verpassen wir diese kostbaren Momente, weil wir nicht in uns zuhause sind?

 

Yoga ist egal wie du aussiehst

Ich weiß, dass dieses Thema mich noch weiter beschäftigen wird. Für heute möchte ich vor allem auf einen Aspekt noch näher eingehen, den ich in diesem Artikel für YogaMeHome bereits erwähnt habe: Ich sehe es sehr kritisch, wie die Yogaszene dazu beiträgt, Frauen in ihrem Körperwahn zu bestärken. Wenn man durch Yogablogs oder -magazine stöbert, könnte man meinen, auch da ginge es darum, möglichst dünn, beweglich und knackig zu sein oder zu werden. Ich weiß, dass manche Frauen sich nicht in eine Yogastunde trauen, weil sie sich zu moppelig, zu unbeweglich, zu alt, zu unwohl im eigenen Körper fühlen. Dass es naheliegt, sich mit den hübschen Yoga-Models zu vergleichen, die sich in knallengen Leggins recht ansehnlich verbiegen. Dass viele Frauen sich in der Folge auf der Matte – genau wie im Alltag – zur Selbstoptimierung pushen.

 

Für mich bedeutet Yoga aber, zu lernen sich so anzunehmen wie man jetzt bereits ist. Diesen Körper zu hegen, zu pflegen, zu lieben. Das atemberaubende Wunder zu erkennen, das er ist! (Schlag mal ein Biologiebuch auf und lies nach was dieses Wunderwerk in jeder Minute Phantastisches leistet!) Dankbar für dieses höchst intelligente "Gefährt" zu sein. Sich auf das zu fokussieren, was er alles kann und seine Grenzen zu respektieren. Ich hoffe inständig, dass auch die Yogaszene (von der Medienwelt wage ich noch nicht zu träumen) bald die kostbare Vielfalt der Menschen und Formen mehr feiert. Bis dahin lasst es uns zumindest auf unserer eigenen Matte tun!


Mir ist es enorm wichtig klar auszudrücken: In meinen Kursen und Seminaren ist JEDE willkommen! Bitte fühl dich nie zu dick, zu dünn, zu unbeweglich, zu tolpatschig, zu alt, zu irgendwas dafür. Jeder kann auf seine individuelle Weise Yoga üben. Bitte sei dir gewiss, dass ich dich nicht kritisch beäuge und bewerte, sondern deine Einzigartigkeit wertschätze. Wie können wir nicht darüber staunen, wie vielfältig, bunt und wunderbar wir Menschenwesen sind?

 

Lassen wir den Mist

Liebe Frauen, lassen wir doch diesen Mist! Lasst uns gemeinsam üben, unsere Körper wieder freudig zu bewohnen und sie dafür zu nutzen, unser Potenzial voll zu entfalten, unsere Gedanken, unsere Kreativität, unsere Visionen in die Welt zu tragen. Zu handeln, zu erschaffen, zu träumen, zu tanzen, geliebte Menschen zu streicheln, herrliches Essen zu genießen, fabelhaften Sex zu haben, Kinder zu kriegen, auf den Boden zu stampfen und mutig vorauszugehen. 

Es ist nicht einfach, sich der Macht der vielen Bilder von "perfekten" (künstlich perfektionierten) Körpern, die täglich auf uns einströmen, zu entziehen. Aber beginnen wir damit, uns immer öfter freundlich im Spiegel zuzuzwinkern und uns gegenseitig zu sagen, was wir aneinander schön finden anstatt zu konkurrieren und zu vergleichen. Ich weiß, dass es geht. Ich übe mit euch.
Lasst uns in unsere Körper nachhause kommen – gemeinsam, Schritt für Schritt.

 

 

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