Übung: Ja sagen zu dem, was ist

Der große indische Philosoph Krishnamurti soll gegen Ende seines Lebens auf die Frage nach der Essenz seiner Weisheit gesagt haben:

"Dies ist mein Geheimnis. Ich habe nichts gegen das, was geschieht." Ein wunderbarer Satz, der wirklich einen wichtigen Schlüssel in sich trägt. Denn wenn ich eins wirklich zutiefst in den vergangenen Jahren verstanden habe, dann dass es unheimlich heilsam und wertvoll ist, sich in Akzeptanz zu üben. Und dass Widerstand Leid in der Regel nur vergrößert. Vielleicht hast du auch schon einmal diese Gleichung gesehen: Schmerz x Widerstand = Leiden

 

In den vergangenen Wochen wurde meine Kapazität, die Dinge zu akzeptieren wie sie sind, allerdings auf eine harte Probe gestellt...

keinen Widerstand leisten

Selbst wenn die Dinge eigentlich recht gut laufen, ist es nicht immer einfach, zu akzeptieren, was hier und jetzt präsent ist. Wir Menschen neigen dazu, stets die Lücke zu finden und gedanklich in ihr herumzubohren anstatt das Gute zu würdigen. Und ist alles ganz wunderbar, dann fürchten wir uns schon vor der Vergänglichkeit von allem Schönen. Noch schwieriger wird das Einverstandensein mit dem Moment aber, wenn wir in eine Krise geraten oder wir mit Schwierigkeiten konfrontiert sind. So wurde ich vor wenigen Wochen mit einem zutiefst schmerzlichen Verlust konfrontiert. Wie soll man akzeptieren, einen Menschen zu verlieren, der einem viel bedeutet? Noch dazu, wenn man nicht Abschied nehmen konnte?

 

Ich gebe gerne zu, dass das eine Feuerprobe für mich war. Und oft genug bin ich in heftigen Widerstand gegen den intensiven Schmerz und die tiefe Trauer gegangen. Sogar gegen die Realität habe ich mich aufgelehnt: Ich glaube es nicht! Ich will es nicht wahrhaben! Es darf nicht sein!

 

Es ist verständlich, normal und völlig in Ordnung angesichts einer solchen Tragödie nicht sofort zur Akzeptanz überzugehen. In den ersten Wochen war es für mich vor allem wichtig, mir selbst mit Selbstmitgefühl und Fürsorge beizustehen. Und zu akzeptieren, dass ich es eben noch nicht akzeptieren kann, was geschehen ist. Mir zuzugestehen, nicht gut oder hilfreich damit umgehen zu können. Mich ins Bett zu legen und mit meinem Schmerz und meiner Fassungslosigkeit zu sein. Und nein, ich wollte auch nicht hören, dass "alles für irgendwas gut ist" oder es "vielleicht besser so" ist. Ich wollte kein schnelles Trostpflaster.

 

Die befreiende Kraft eines "Ja"

Eine Übung, die mir sehr dabei hilft, mit dieser Situation umzugehen und die mich bereits durch viele schwierige Moment begleitet hat, ist die "Ja-Meditation". Ich folge dabei der Anleitung der wunderbaren Lehrerin Tara Brach. Auch wenn es integraler Bestandteil jeder Form der Achtsamkeitspraxis ist, dem gegenwärtigen Moment mit Offenheit zu begegnen, finde ich es hilfreich, dieses Einverstandensein konkret zu üben. Hier eine kurze Anleitung:

 

Akzeptieren, was geschieht

  • Nimm eine aufrechte Sitzhaltung ein. Alternativ kannst du dich auch hinlegen, wenn du dabei nicht einschläfst.
  • Schließe die Augen, wenn es dir angenehm ist oder senke den Blick. Nimm ein paar Atemzüge, um bei dir selbst anzukommen.
  • Dann vergegenwärtige dir eine schwierige Situation, die dich gerade beschäftigt (nimm dazu bitte nicht eine traumatische Situation, dafür solltest du dir kompetente Begleitung suchen).
  • Welche Gefühle und Empfindungen tauchen auf? Wo im Körper zeigen sich diese Gefühle? Erforsche sie möglichst offen, interessiert und vorsichtig. Wenn dich intensive Gefühle zu überwältigen drohen, dann kehre zum Anker der Atmung zurück.
  • Kannst du Widerstand gegen diese Gefühle, gegen die Situation wahrnehmen? Gibt es Wut, Ärger, Angst, Scham oder Traurigkeit? Wie fühlt sich dieser Widerstand an? Wo zeigt er sich? Spürst du Verspannung, Druck oder eine Enge im Körper?
  • Nach einer Weile nimm wieder ein paar Atemzüge und lass die Untersuchung des Widerstandes so gut wie es dir gerade möglich ist los.
  • Dann vergegenwärtige dir noch einmal die schwierige Situation und versuche diesmal deinen Widerstand zu lockern. Erkenne deine Realität an, indem du innerlich dazu "Ja" sagst. Ja, das ist eine schmerzliche Situation. Ja, so sieht dein Leben/diese Situation hier und heute aus. Ja, da ist Schmerz, Scham, Ärger oder Angst. Und ja, das ist okay.
  • Auch wenn du Widerstand fühlst, dann kannst du dazu "Ja" sagen: Ja, ich hätte gerne, das es anders ist.  Selbst das kann ich akzeptieren und liebevoll annehmen.
  • Dieses Ja will nichts zudecken oder wegmachen. Es darf alles da sein und bleiben. Es ist ein Ja, das dich ermutigt, die Dinge so akzeptieren wie sie jetzt gerade sind. Unvollkommen. Schmerzhaft. Leidvoll. Nicht so, wie du sie gerne hättest. Vielleicht kannst du die Härte und Enge des Widerstands mit dem Fluß der Atmung etwas weicher werden lassen.
  • Nichts davon muss geschehen. Nimm einfach nur wahr, was dieses "Ja" in dir auslöst. Vielleicht verändert sich auch nichts. Und dennoch drückst du mit diesem "Ja" einen Wunsch, eine Intention aus: Möge es mir mehr und mehr gelingen, mit dem zu sein, was ist.

Natürlich wäre es empfehlenswert, diese Übung zunächst mit einem erfahrenen Lehrer zu praktizieren. Manchmal tauchen intensive Gefühle des Widerstands auf und dann braucht es manchmal jemanden, der für dich da ist. Sei also bitte besonders achtsam, wenn du damit alleine arbeitest.

 

Nachdem ich diese Übung eine Weile lang regelmäßig praktiziert habe, begleitet sie mich inzwischen auch in meinem Alltag. Und wenn wieder etwas auftaucht, mit dem ich nicht einverstanden bin oder das nicht so läuft, wie ich es gerne hätte, dann flüstert immer öfter etwas in mir leise "Ja!" und erinnert mich daran, die scharfen Kanten des Widerstandes – unterstützt von meiner Atmung – weich werden zu lassen und zumindest zu versuchen, nichts gegen das zu haben, was geschieht.

 

Ein Buch zum Thema Akzeptanz, das ich dir sehr empfehlen kann, ist übrigens "Mit dem Herzen eines Buddha" von Tara Brach.

 

Ich wünsche dir viel Freude beim Üben & freue mich über Kommentare!

 

 

Titelbild: unsplash.com/Paul Green

 

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