Warum ich meine Geschichte erzähle

Heute gibt es hier einen sehr persönlichen Text. Der Grund dafür ist, dass am kommenden Sonntag (16.10.) ein Buch erscheint, an dem ich mitgeschrieben habe. Es geht dabei um das Thema „Antidepressiva absetzen“.

Das Buch ist ein Wegbegleiter, der Menschen, die – gemeinsam mit ihrem Arzt und Therapeuten – zu der Entscheidung gekommen sind, ihre Antidepressiva abzusetzen ermutigen und unterstützen soll. Gemeinsam mit meinem Co-Autor Mischa von Adios Angst habe ich viele Erfahrungen, hilfreiche Tipps und Meinungen von Experten dafür zusammengetragen.*

In dem Buch erzähle ich auch meine eigene Geschichte – und zwar sehr offen und ungeschönt. Es war keine leichte Entscheidung für mich, das zu tun. In meinem Freundeskreis bin ich immer ehrlich gewesen, wenn mich jemand gefragt hat, wie es mir geht. Aber nun kann jeder ganz leicht nachlesen, dass ich in den vergangenen 20 Jahren immer wieder mit Depressionen und Panikattacken konfrontiert war. Natürlich habe ich mich im Vorfeld gefragt, ob ich möglicherweise Kunden als freie Journalistin oder Yogalehrerin verliere, wenn ich so viel von mir zeige. Oder sich auch im Privatleben manche Menschen abwenden.
Ich hab es trotzdem gemacht. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Authentisch leben

Ich bin ein Mensch, der Wert auf Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit legt und ich möchte mich nicht verstecken. Nicht nur, weil das ungemein anstrengend ist und sich die Wahrheit immer zeigt, sondern weil ich irgendwann entschieden habe, dass ich mich für meine Geschichte nicht mehr schämen oder verurteilen will. Wir Menschen sind alle verletzlich – ich bin es auch. Das ist kein Makel. Dass ich meine Tiefs bewältigt habe und heute stabil und zuversichtlich im Leben stehe, ist ein Grund, stolz auf mich zu sein.

Betroffene ermutigen

Ich kann mich gut erinnern, dass ich in meiner schwierigsten Phase nach Geschichten von Menschen gesucht habe, die Ähnliches erlebt haben. Ich habe mich nach Happy Ends gesehnt, die mir zeigen, dass es auch dann noch Anlass zur Hoffnung gibt, wenn man mehr als eine depressive Episode durchlebt und eher düstere Prognosen von einem Arzt erhalten hat. Ich wollte so gerne lesen, dass auch andere manchmal jahrelang durch die Dunkelheit geirrt sind - und doch wieder zum Licht gefunden haben. Damals war meine Suche nicht sehr erfolgreich.

 

Das ist einer der wichtigsten Gründe, warum ich meinen Weg so ehrlich schildere: Um Betroffenen zu vermitteln, dass es möglich ist, zurück zu einem guten Leben zu finden. Egal, was andere sagen oder wie oft du schon ein Tief durchlebt hast: Du bist mehr als eine Diagnose. Und dir ist viel mehr möglich als du vielleicht gerade glaubst. Auch in dir steckt eine enorme Lebenskraft, die immer zur Ganzheit, zur Balance, zur Heilung hinstrebt.

Die Statistiken zeigen, dass es inzwischen sehr viele Menschen mit Depressionen und Angsterkrankungen gibt. Es ist traurig, dass sich die meisten immer noch damit verstecken oder sich schämen. Ich möchte euch dazu ermutigen, euch zu zeigen und euch Unterstützung zu holen. Isolation macht krank. Verbundenheit heilt.

Nicht perfekt, aber erfahren

Gerade als Yoga- & Achtsamkeitslehrerin habe ich mich natürlich gefragt: Darf ich das? Sind meine Kunden oder Leser vielleicht enttäuscht, weil ich nicht perfekt bin und schon immer alles ganz famos im Griff hatte? Darf ich überhaupt unterrichten mit so einer Geschichte? Auch wenn mich das Perfektionismus-Virus immer noch manchmal attackiert, weiß ich doch in meinem tiefsten Herzen: Ja, das darf ich. Ich werde eher misstrauisch, wenn Lehrer behaupten, dass sie nicht mehr auf dem Weg sind und angeblich bereits alle Wirrungen des Lebens gemeistert haben. Wie sollen sie dann an meine Erfahrungen anknüpfen? Ich weiß, wovon jemand spricht, wenn er sagt, dass er sich in Gedankenspiralen verliert. Ich habe selbst erlebt wie es sich anfühlt, wenn die Angst einem tonnenschwer auf der Brust liegt. Und ich habe Dinge gefunden, die mir geholfen haben, damit umzugehen. Die kann und will ich weitergeben.

Eine sanfte Yoga- und Achtsamkeitspraxis und das Kultivieren von Selbstmitgefühl haben auf diesem Weg eine wichtige Rolle gespielt. Ich weiß, dass ich heute nicht so mutig und gesund im Leben stehen würde, wenn ich nicht jeden Tag üben würde, dem Leben mit allen seinen Herausforderungen mit einer offenen, akzeptierenden und mitfühlenden Haltung zu begegnen. Erst durch die Achtsamkeitspraxis habe ich gelernt, mit negativen Gedanken, schwierigen Gefühlen und meiner erbarmungslosen inneren Kritikerin konstruktiv umzugehen und alte Muster zu verändern. Ich habe also eine ganz besondere Motivation, diese Werkzeuge auch anderen zu vermitteln und weiß aus Erfahrung, was sie bewirken können.

"Your fragility is also your Strength."

Dieses Zitat von der wunderbaren Pina Bausch begleitet mich schon eine Weile. Und ich weiß, dass es wahr ist. Ich weiß, dass vieles von dem Guten, das ich heute in mir trage, direkt mit meiner Geschichte zusammenhängt. Viele Qualitäten und Stärken habe ich erst dadurch entwickelt. Weil ich diesen Weg gegangen bin, bin ich heute die, die ich bin. Und nur, wenn ich mein Licht und meine Schatten akzeptiere, kann ich ganz sein.

Oder wie Brené Brown so schön in "Laufen lernt man nur durch Hinfallen" formuliert:

 

„Ironischerweise sind wir bestrebt, unsere Probleme zu leugnen,
um „ganz“ zu erscheinen oder akzeptabler zu sein.
Aber unsere „Ganzheit“ – sogar unsere Aufrichtigkeit –
hängt in Wirklichkeit von der Integration all unserer Erfahrungen ab,
Fehlschläge inklusive.“

 

Jetzt nehme ich für Sonntag all meinen Mut zusammen und freue mich darauf, noch ein bisschen "ganzer" in der Welt zu stehen.

Deine Melanie

 

P.S.: Wenn du mehr darüber lesen willst, wie mein Co-Autor Mischa vom Angsthasen zum Mutmacher wurde, empfehle ich dir seinen Blog. Dort hat er auch von seinen Erfahrungen mit dem Absetzen von Antidepressiva erzählt.

 



* Es ist mir wichtig zu betonen, dass wir mit unserem Buch niemanden dazu auffordern möchten, seine Medikamente ohne ärztlichen Rat abzusetzen. Niemand soll sich von uns unter Druck gesetzt oder beurteilt fühlen, weil er Antidepressiva einnimmt. Unser Buch soll ausschließlich jene unterstützen, die diese Entscheidung bereits wohlüberlegt und mit Unterstützung eines Arztes für sich getroffen haben.
Mehr dazu im Vorwort unseres Buches.

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Philipp (Montag, 17 Oktober 2016 14:12)

    RESPEKT!!! und danke für Deinen Mut und Deine Offenheit...wenn wir nur alle so sein könnten.

  • #2

    Miriam (Dienstag, 18 Oktober 2016 15:23)

    Isolation macht krank. Verbundenheit heilt. Da steckt so viel Wahrheit drin. Danke, dass du deine eigenen Erlebnisse teilst.

  • #3

    Melanie (Dienstag, 18 Oktober 2016 16:27)

    Lieber Philipp, liebe Miriam,

    ich danke euch für eure ermutigenden Kommentare!
    Es ist schön, so tolles Feedback zu erhalten – das zeigt mir wieder, dass es sich lohnt, aufrichtig zu sein und sich zu zeigen.

    Und ja, ich bin zutiefst überzeugt, dass wir Menschen Verbundenheit unbedingt brauchen, um gesund zu sein. Mehr als viele andere Dinge.

    Herzliche Grüße, Melanie