Wie du Gutes im Gehirn verankerst

Schöne Momente sind flüchtig. Zum Teil sind sie genau deshalb so kostbar für uns: Weil wir wissen, wie schnell sie vorbeiziehen. Im Alltag gilt das ganz besonders. Wann hast du dir das letzte Mal Zeit genommen, um einen Baum in seinem leuchtenden Herbstkleid länger als wenige Sekunden zu bewundern oder die angenehme Wärme der Teetasse in deinen Händen zu spüren?

 

Wenn wir uns aber nicht die Zeit nehmen, um positive Erfahrungen wirklich bewusst in uns aufzunehmen, dann rauschen sie durch uns hindurch wie der Wind durch deine Sommerjacke und es bleibt wenig zurück. Wie du das verhindern kannst, darauf möchte ich heute eingehen. 

Warum wir die nadel im heuhaufen suchen

Wahrscheinlich hast du selbst schon die Erfahrung gemacht, dass unser Gehirn manchmal ein ganz schöner Schwarzseher sein kann. Während wir uns bemühen, positiv zu denken und glücklich zu sein, fokussiert sich unser Geist am liebsten auf das, was schiefgehen könnte oder den winzig kleinen Fehler, den wir gemacht haben. Nun, vielleicht entspannt es dich zu erfahren: Das ist ganz normal und es ist nicht deine Schuld. Wissenschaftler bezeichnen diese Tendenz des menschlichen Gehirns als "negative Verzerrung".

 

Sie ist das Ergebnis unserer evolutionären Entwicklung: Für unsere Vorfahren war es lebenswichtig, ständig vor potenziellen Gefahren auf der Hut zu sein und aus negativen Erfahrungen zu lernen. Wachsame, ängstliche Charaktere sind einfach deutlich seltener von wilden Tieren überrascht und gefressen worden als tiefenentspannte Artgenossen. Es ist eine gutgemeinte Problemlösungsstrategie unseres Gehirns, dass wir bei Problemen eine Art Tunnelblick entwickeln, der alle anderen Eindrücke - die nicht existenzbedrohend sind - ausblendet. Die angenehmen Momente des Lebens fallen dabei häufig durch das Wahrnehmungs-Sieb.

 

Der Neurowissenschaftler Rick Hanson erklärt die negative Verzerrung recht anschaulich so: "Für negative Erfahrungen gilt das Klett-Prinzip – sie bleiben in unserem Gehirn haften, während für positive Erfahrungen das Teflon-Prinzip gilt – sie perlen ab."

Innere Stärke entwickeln

Um ein erfülltes Leben zu führen und Herausforderungen gelassen zu begegnen, ist es aber wichtig, dass wir auch Glücksmomente bewusst erleben. Denn unser Gehirn speichert vor allem das ab, worauf wir unsere Aufmerksamkeit fokussieren. Die Erfahrungen, die wir machen, werden in unseren neuronalen Netzwerken abgebildet. Ein Geist, der sich vorwiegend mit Selbstkritik, Ängsten, Zorn und Schuldgefühlen beschäftigt, wird zunehmend anfälliger für genau diese Gefühle und Gedanken. Wenn wir uns dagegen auf die freudvollen, angenehmen und guten Momente des Lebens konzentrieren, fördern wir aktiv eine positive Grundeinstellung, Vertrauen und innere Stärke.  

 

Damit unser Gehirn positive Erfahrungen abspeichert und nicht abperlen lässt, reicht es aber nicht, einfach ab und zu kurz an was Schönes zu denken. Wie Rick Hanson in seinem Buch "Denken wie ein Buddha" wunderbar erklärt, müssen wir Positives bewusst erleben und integrieren. Das heißt, wir bemerken es nicht nur kurz  - sondern wir nehmen es als sinnliche Erfahrung auf und speichern es so in unserem Gehirn ab. Der Neurowissenschaftler Hanson empfiehlt dazu folgende Schritte:

 

Vier Schritte um Gutes zu verankern

  1. Mach eine positive Erfahrung. Wenn sich nicht ohnehin gerade etwas Schönes ergibt, dann vergegenwärtige dir so oft wie möglich Erinnerungen an glückliche Momente oder denke an Menschen, Dinge oder Orte, für die du dankbar bist. So kannst du Zufriedenheit und innere Stärke aktiv "trainieren".
  2. Reichere sie an. Bleib für 5 bis 10 Sekunden bei der Erfahrung und versuche sie bewusst zu genießen. Oft sehen wir etwas Schönes, z.B. eine Blume, eine Landschaft oder einen geliebten Menschen, und nehmen das nur ganz kurz zur Kenntnis, bevor wir unsere Aufmerksamkeit wieder auf etwas anderes lenken. Versuche einmal länger dabei zu bleiben.
  3. Nimm die Erfahrung in dich auf. Verinnerliche sie, indem du nicht nur über sie nachdenkst, sondern dich bewusst auf die Gefühle, die die Erfahrung in dir auslöst, fokussierst. Lass dich von ihnen durchdringen. Lass sie in dich einsickern. Bade in ihnen. Mach dir bewusst, dass du auf diese Ressource jederzeit zurückgreifen kannst.
  4. Bleib beim Guten. Häufig kommen wir in glücklichen Momenten auch mit Negativem in Kontakt. So kann es sein, dass du dich in einem Augenblick tiefer Verbundenheit mit anderen Menschen an einsame Stunden erinnerst. Nimm zur Kenntnis, dass es auch diese Momente in deinem Leben gibt - aber lenke deine Aufmerksamkeit immer wieder bewusst auf das Gute. So als ob das Negative immer wieder verblasst und in den Hintergrund tritt.

Das leben nicht verpassen

Ich erinnere mich jeden Tag daran, das Glück - das häufig in den ganz kleinen Dingen und unscheinbaren Momenten liegt – nicht unbemerkt an mir vorbeihuschen zu lassen. Dabei passiert es mir immer noch oft, dass ich etwas Schönes sehe, wie z.B. einen beeindruckenden Wolkenhimmel oder Tautropfen, die im Sonnenlicht leuchten, kurz innerlich bemerke "Oh, wie schön!" und mich dann wieder in meinen Gedanken verliere. Seit ich das Buch von Rick Hanson gelesen habe, gelingt es mir aber immer öfter, meine Aufmerksamkeit wieder bewusst auf das zu lenken, was mir da gefällt, und für eine Weile dabei zu bleiben. Ich erforsche es dann mit meinen Sinnen (z.B. Wie sieht es genau aus? Welche Farben nehme ich war? Welche Details?) und spüre genau hin, welche Gefühle und Körperempfindungen der Anblick in mir auslöst. Ich habe festgestellt, dass ich seitdem viel öfter die kleinen Glücksmomente des Alltags wahrnehme und mich von ihnen gestärkt und bereichert fühle.

 

Vielleicht ist das ja eine Idee für deinen nächsten Spaziergang?

Ich würde mich freuen, wenn du von deinen Erfahrungen in den Kommentaren berichtest.

 

Literaturtipp

Rick Hanson: Denken wie ein Buddha - Gelassenheit und innere Stärke durch Achtsamkeit, Irisana Verlag 2013

 

 

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