Was ist Achtsamkeit?

Alle reden über sie. Manche lachen darüber. Andere können das Wort nicht mehr hören.

Aber wer weiß schon genau, was mit Achtsamkeit gemeint ist?

Alles ganz langsam zu machen?

Zu meditieren?

Keine störenden Gedanken, unangenehmen Gefühle oder Stress zu haben?

 

Nichts davon trifft den Kern der Achtsamkeit.

Wir können zügig handeln – und dennoch achtsam sein.

Wir müssen dazu nicht meditieren – auch wenn es hilfreich ist, dies regelmäßig zu tun.

Und wer hofft, dass achtsame Menschen immer glücklich sind und nie sorgenvolle Gedanken haben, den muss ich leider enttäuschen.

Aber was ist dann damit gemeint?

 

 

Drei Aspekte der Achtsamkeit

Es lässt sich sehr viel über Achtsamkeit sagen (und das werde ich hier auch noch tun ;)) – aber beginnen wir damit, dass es drei Aspekte gibt, die Achtsamkeit charakterisieren.

  1. Gelenkte Aufmerksamkeit
  2. Fokus auf das Hier und Jetzt
  3. Vorurteilsfreie, akzeptierende Haltung

 

Gelenkte Aufmerksamkeit
Im Alltag ist es meist so, dass unsere Aufmerksamkeit hin- und herspringt wie ein wildgewordener Affe. Oh, die Sonne scheint. Ah, ich sollte mich auf den Text konzentrieren. Hm, hat mein Smartphone gerade gebimmelt? Grrrr, jetzt telefoniert die schon wieder so laut. Mist, jetzt tut mir schon wieder der Rücken weh. Huch, mein Magen knurrt. So, noch schnell zwischendurch die E-Mail beantworten. Was wollte ich gerade machen?

Sehr häufig reagieren wir dabei immer wieder auf Reize von außen oder körperliche Empfindungen. Oder wir folgen unseren Gedanken, die auftauchen und uns mitnehmen bis zur nächsten Denkabzweigung. Achtsamkeit bedeutet, die Aufmerksamkeit bewusst auf eine Sache, z.B. den Atem, einen Sinn oder ein Gefühl, das ich näher erkunden will. Auch wenn der Affengeist immer wieder abschweift holen wir ihn liebevoll immer wieder zurück zum Objekt unserer Aufmerksamkeit.

Eine andere Variante der Achtsamkeit ist es, unsere Aufmerksamkeit ganz weit zu machen und einfach alles wahrzunehmen, was darin auftaucht (z.B. Gedanken, Geräusche, körperliche Empfindungen) – ohne daran „hängenzubleiben“. Das nennen wir „offenes Gewahrsein“.

Hier und Jetzt
Das Leben findet nur in diesem Moment statt. Wenn wir über die Vergangenheit nachgrübeln oder mit Zukunftsplanung beschäftigt sind, dann verpassen wir es. Wenn wir in der Vergangenheit feststecken plagen uns vielleicht Schuldgefühle oder – im schlimmsten Fall – Depressionen. Wer sich viele Gedanken über die Zukunft macht, leidet nicht selten an Ängsten vor dem, was ungewiss ist. Achtsamkeit holt uns wieder zurück in das Hier und Jetzt. Das ist nicht immer angenehm, denn nicht immer ist die Gegenwart einfach oder schön. Aber nur im jetzigen Moment können wir auch die Intensität, den Reichtum und die kleinen Momente des Glücks, die jeder Tag uns anbietet, wahrnehmen.

Offenheit & Akzeptanz
Achtsamkeit lädt uns dazu ein, nicht alles sofort zu bewerten, was wir wahrnehmen. Denn wir neigen dazu, alles sofort in Schubladen zu stecken. Vorzugsweise steht auf diesen: „Angenehm“ oder „Unangenehm“. Buddhisten sprechen hier von Anhaftung und Ablehnung. In der Regel führt dies auch dazu, dass wir sofort entsprechend reagieren. Wir denken „Davon will ich mehr!“ oder „Das will ich nicht!“. Wir verteidigen uns, laufen davon oder aktivieren gewohnte Verhaltensweisen. Manchmal tun wir das vorschnell und ohne uns darüber klar zu werden, ob wir uns sinnvoll verhalten. Vielleicht müssen wir heute gar nicht mehr in die Defensive gehen? Vielleicht ist meine Partnerin gar nicht wie meine Mutter – auch wenn sie ähnliche Formulierungen benutzt? Vielleicht tut uns das dritte Stück Kuchen gar nicht so gut (und hilft auch nicht wirklich gegen das Gefühl der Einsamkeit)?

Achtsamkeit ermutigt uns dazu, den Dingen mit Offenheit zu begegnen und Reiz-Reaktionsmuster zu entkoppeln, damit wir wieder mehr Handlungsspielraum und Freiheit erlangen. Besonders schwierig wird dies natürlich, wenn alles in uns nachdrücklich meldet: „Das will ich nicht!“. Etwa, wenn unangenehme Gefühle auftauchen, wie z.B. Wut oder Scham. Nun, um ehrlich zu sein: Wenn wir diesen Gefühlen achtsam und mit einer neugierigen, akzeptierenden Haltung begegnen, gehen sie deshalb nicht immer weg. Aber häufig verlieren sie an Kraft und Intensität. Denn wenn ich eines über die Jahre ganz sicher gelernt habe, dann, dass Widerstand unangenehme Gefühle in der Regel nährt und Akzeptanz häufig dazu führt, dass sie kleiner, erträglicher werden – oder manchmal sogar ganz weggehen.

Darüber hinaus lohnt es, offen zu bleiben, weil wir heute nie ganz sicher wissen, was für uns gut oder schlecht ist. Jeder von uns hat Dinge erlebt, die im ersten Moment wie eine Niederlage, ein Verlust oder ein Unglück aussahen – und die sich im Nachhinein als Segen oder Chance herausgestellt haben. (Wie in dieser bekannten Parabel aus dem Daoismus.)

 

Was ist also Achtsamkeit?
Folgendes Zitat bringt es für mich gut auf den Punkt: "Achtsamkeit ist eine Form der Aufmerksamkeit, die eingebettet ist in eine liebevolle, gleichmütige, mitfühlende und freundliche Grundhaltung."

(Anne Katrin Külz - Die Kraft liegt im Augenblick, Herder 2016)

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Markus (Mittwoch, 26 April 2017 16:46)

    Hi,
    wenn ich diesen Text lese und den Inhalt mit Neugier, Interesse und Akzeptanz annehme, ist das für mich Achtsamkeit. Ich konzentriere mich nur auf das Lesen und auf nichts anderes. Wenn ich gedanklich abdrifte, komme ich einfach wieder zum Text zurück.

    Gruß,
    Markus

  • #2

    Melanie (Donnerstag, 27 April 2017 09:15)

    Das würde ich achtsames Lesen nennen - ja genau, Markus :)