Den zweiten Pfeil vermeiden

Ich bin immer wieder verblüfft und auch berührt davon, wie hart die meisten von uns im Umgang mit sich selbst sind – und ich nehme mich da nicht aus. Wenn wir etwas vermasseln, einen Fehler machen oder uns etwas passiert, das weh tut, dann reagieren wir nicht automatisch mit Fürsorge und liebevoller Aufmerksamkeit. Viel zu oft verlieren wir uns zunächst in harscher Kritik und Selbstvorwürfen.


Unser innerer Kritiker reibt sich die Hände – denn nun kommt sein großer Auftritt:

„Das war ja klar, dass du das nicht hinbekommst!“,

„Wie konntest du nur denken, dass das funktionieren würde?“,

„Du bist ein hoffnungsloser Tollpatsch!“, „Du wirst nie (...) , weil du immer (...).“

Doch stellen wir uns vor, eine gute Freundin kommt zu uns, weil sie einen Fehler gemacht hat und sie ist offensichtlich traurig, aufgewühlt und verletzt. Würden wir so mit ihr sprechen?

Würden wir mit erhobenem Zeigefinger auf sie einreden: „Du hast keinen Trost verdient, denn einen Fehler zu machen ist unverzeihlich und kein Mensch hat es jemals vor dir gewagt, nicht perfekt zu sein!“ Hat es uns jemals getröstet oder weitergebracht von unseren Eltern oder Partnern zu hören: „Ich habs dir doch gesagt!“ oder „Nie/immer machst du (...)!“

Warum sind wir dann so hart zu uns selbst? Warum denken wir, Druck, Abwertungen und Bestrafung würden dazu führen, dass aus uns bessere Menschen werden? Ahnen wir nicht längst, dass Ermutigung die Sonne ist, die uns aufblühen lässt?

 

Den zweiten Pfeil einfach mal stecken lassen

Es ist wie in dieser Metapher von den zwei Pfeilen, die Buddha zugeschrieben wird (und die viele von euch schon kennen mögen): Den ersten Pfeil, der Leid verursacht, können wir nicht vermeiden. Es ist das, was uns zustößt: Verlust, Unglück, Krankheit, Schmerz, Kränkung, Fehler usw.

Häufig reagieren wir auf die Wunde, die dadurch entsteht, aber nicht mit Fürsorge, Mitgefühl und einer angemessenen, heilsamen Handlung (z.B. die Wunde gut versorgen, uns selbst trösten) – sondern wir schießen einen zweiten Pfeil ab: Er besteht aus unseren kritischen Urteilen über uns selbst, aus unseren Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen, den Aggressionen, die wir gegen uns selbst richten. Dieses Leid könnten wir vermeiden. Diese Energie könnten wir bereits in eine konstruktive Lösung und Heilung unserer Wunde investieren.

Ein Satz, eine Art Mantra, das mich dabei unterstützt, mitfühlend zu reagieren, ist mir – manchmal innerlich, manchmal auch laut – zu sagen:

Dies ist ein Moment des Leidens.

Manchmal auch Variationen davon:

Ich mache gerade eine schmerzhafte Erfahrung.
Ich leide in diesem Moment.

Diese Worte erinnern mich daran, dass ich jetzt und hier leide. Und dafür habe ich – egal wie viel Verantwortung ich für dieses Ereignis/Leid auch trage, selbst wenn ich es „total verbockt“ habe – Mitgefühl verdient. Der erste Schritt ist, mich um den Schmerz zu kümmern, die Wunde zu versorgen.

Es macht auch selten Sinn, sich Gedanken darüber zu machen, was ich falsch gemacht habe, solange die Gefühlswogen noch über mich hinwegbrausen. Denn dann kann ich nicht klar denken. Und die monotone Wiederholung von innerlichen Beschimpfungen ist nicht sonderlich konstruktiv. Erst wenn ich mich wieder an einem sicheren inneren Ort befinde habe ich die Kapazität, dem inneren Kritiker zuzuhören, mich bei ihm für seinen Input zu bedanken (denn auch er hat seinen Platz und seine Gründe), und zu entscheiden, was davon hilfreich für die Zukunft ist und worin möglicherweise die Lernerfahrung besteht.

 

Anzuerkennen, dass auch ich Mitgefühl verdient habe, hat mir inzwischen in einigen Situationen geholfen, mein Leid nicht zu verschlimmern, sondern gesund und achtsam damit umzugehen und aus Fehlern zu lernen anstatt mich selbst für meine (höchst menschliche) Unvollkommenheit zu bestrafen.

 

 

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