Herzöffner für Fortgeschrittene

Yoga wird für mich immer dann ganz besonders interessant, wenn ich die sichere und gummiweiche Insel namens Matte verlasse. Nicht, dass mir die Herausforderungen in der Praxis ausgehen würden. Aber wie nahe man der Erleuchtung inzwischen gekommen ist, kann man leicht feststellen, wenn es zurück in den Alltag geht. Allein in der Höhle lässt es sich prima entspannen, achtsam und mitfühlend sein. Ich bin aber Fan von denen, die Yoga nicht dazu benutzen, um sich vor dem Leben zu verstecken - sondern, um noch tiefer einzutauchen. Für die Spiritualität nicht zur Ausrede wird, um sich nur noch um den eigenen Bauchnabel zu drehen. Und die ihre Praxis auch über die Grenzen des Mattenparadieses hinaus tragen. Ram Dass hat es auf den Punkt gebracht:
If you think you're enlightened, go visit your family.

 

Gut, Familie. Das ist kein Anfängerkurs mehr, sondern hohe Kunst. Aber auch jede andere Beziehung kann unsere "Matte" sein. Und nirgendwo sonst bekommen wir so viele Gelegenheiten, um uns zu entwickeln. Um an unserer Beweglichkeit und Ausdauer (diesmal eher auf der Geistes- und Herzensebene) zu arbeiten. Gerade in einer Paarbeziehung können wir uns felsenfest darauf verlassen, dass der andere irgendwann unsere schmerzhaftesten Knöpfe drücken wird. Da gibts kein Verstecken und wir können nicht nur unser hübsches, friedvolles, entspanntes Yoga-Gesicht hinhalten. Irgendwann müssen wir uns ganz zeigen. Auch unsere wütende, nervige, eifersüchtige, geizige, sture, verklemmte oder aggressive Seite. Alle Karten kommen auf den Tisch. Und alle Wunden sowieso.

 

Wunderbar! Denn hier geht es dann erst so richtig los mit der Praxis. Kann ich denn auch mitten in einem Streit, wenn alles in mir danach drängt, dem anderen zu beweisen, dass ich recht habe, erstmal eine Pause machen und tief in den Bauch atmen - zum Beispiel, damit das, was ich gleich sage nicht verletzt? Gelingt es mir, meinen inneren Beobachter zu aktivieren und einen klaren Blick auf sich wiederholende Verhaltens- oder Gedankenmuster zu werfen? Vielleicht sogar neue Muster zu zeichnen? Kann ich für meinen Partner Mitgefühl entwickeln, selbst wenn er mich nervt? Spüre ich meine Grenzen und Bedürfnisse auch dann noch, wenn ich jemandem sooo gerne gefallen möchte? 

 

Das ist für mich Yogapraxis für Fortgeschrittene. Und auch wenn drei Stunden Bikram-Yoga am Stück mich nicht so ins Schwitzen und Rudern bringen können, wie 15 Minuten streiten mit meinem Liebsten, bin ich (meistens) dankbar für diese Chance zum Wachstum. Und umso dankbarer für meine Matteninsel. Denn sie ist ein wunderbarer Ort, um immer wieder zurückzukehren zu mir, meinen Grenzen, meinem Bauch, meinem Herzen, meinem inneren Klar- und Deutlichseher, meinen Gefühlen, meiner Weisheit, meiner Liebe. Um Mitgefühl zu entwickeln - mit ihm, aber auch mit mir (besonders dann, wenn ich mal wieder einem alten Muster auf den Leim gegangen bin). Um Kraft zu tanken für den nächsten Köpfler mitten hinein ins Leben.

 

 

Foto: © Maridav /fotolia.com

 

 

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