Entspann dich, Yogasuperwoman!

Der Mai stand im Zeichen der Fortbildung. Viel Wissen und Inspiration, Lernen und Ausprobieren - als eine, die immer neugierig bleibt, ein großes Vergnügen. Auch, weil ich die Gemeinschaft so genieße. Ich liebe es, mit mutigen, schlauen, schönen, liebevollen Gefährtinnen zu üben, zu atmen, zu reden, zu lauschen, zu schweigen. Wie schade, dass viele von Ihnen gar nicht merken, wie toll sie eigentlich sind. Denn es grassiert eine fiese Krankheit auf den Matten: Yoga-Perfektionismus.

 

Auslöser ist der schräge Irrglaube, Yoga könne und müsse alles und jeden für immer von allem heilen und befreien. Und wer anderen zeigt wies geht, darf dann natürlich selbst keine Probleme mehr haben. Deswegen massiert man sich nur ganz verstohlen und heimlich den schmerzenden Rücken oder die mal wieder gezerrten Bänder. Verrät niemandem, dass man gar nicht alle Asanas beherrscht. Den Kaffee trinkt man wenn, dann mit einem wirklich schlechten Gewissen im Dunkeln. Und niemals würde man offen zugeben, dass man auch mal Regenwetter im Herzen hat. Weil das würde ja dann bedeuten, dass man entweder nicht genug oder nicht richtig praktiziert.

 

Und ja, manchmal stecke auch ich mich mit dem Yoga-Perfektionsmus-Virus an und glaube, ich müsste die Superheldin auf der Matte sein. Frage mich, ob ich denn überhaupt unterrichten darf, wenn ich noch nicht alle Herausforderungen des Yoga gemeistert habe oder nicht in ewig währende Glückseligkeit eingetaucht bin. Gelegentlich über andere Autofahrer schimpfe oder - oh Schreck! - die Fersen im korrekt ausgeführten Hund nicht auf die Matte bringe (jetzt ist es also raus....).

 

Aber spätestens dann, wenn mir eine meiner Kolleginnen wieder verstohlen zuraunt, dass sie ein mords schlechtes Gewissen hat, weil es da noch ein Asana gibt, mit dem sie sich schwertut, sie es nicht jeden Tag auf die Matte schafft oder eben doch manchmal Lust auf Schnitzel hat, dann sehe ich wieder klar und rufe entsetzt aus: Wir müssen, nein wir sollen nicht perfekt sein!

 

Ganz im Gegenteil: We teach best what we most need to learn. Wie willst Du denn Deinen Schülern etwas über den Affengeist erzählen, wenn Du selbst noch nie in Kontakt warst mit Deinem monkey mind?

 

Alle irren herum

Ich werde inzwischen eher misstrauisch, wenn ein Lehrer vorgibt, frei zu sein von unangenehmen Gefühlen und Gedanken, von allen Lastern und Problemen. Die Besten, die mir begegnet sind, sind in diesen Dingen sehr bescheiden. Oder wie es eine kluge Frau in ihrem Blog schon formuliert hat: Wir alle irren herum. Die, die dabei aufrichtig sind, sind meine Vorbilder.

 

Für mich muss eine gute Lehrerin oder ein guter Lehrer, nicht ohne Hände auf dem Kopf stehen und das Yogasutra im Original auswendig zitieren können. Sie/er muss aufrichtig und mit offenem Herzen unterwegs sein. Auf der Matte. Mitten im Leben. Lehrerin sein, Lernende bleiben.

 

Ich wünsche mir sehr, dass sich die Yogaszene dahingehend noch entwickelt. Dass immer mehr es wagen, trotzdem und gerade weil sie nicht perfekt sind hervorragende Lehrerinnen und Lehrer zu sein. Und sich nicht mehr mit Selbstoptimierungsstrategien vom Wesentlichen abzulenken.

 

 

Foto:  Sunny studio/fotolia

Kommentare: 2 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Layaki (Sonntag, 01 Juni 2014 20:36)

    die kluge frau fühlt sich geehrt. sie, die nach so vielen jahren yogapraxis noch immer unter migräne leidet (und der kopfstand - naja. geht so.), nickt mit dankbarer zustimmung. yoga macht nicht perfekt. yoga lehrt, das unperfekte zu lieben.
    danke, liebe melanie! yogasuperwoman entspannt sich gerade ;-)

  • #2

    Melanie (Montag, 02 Juni 2014)

    Ich sag danke, liebe Layaki!

    Komm - wir machen eine Hängematte aus unserem Yogasuperwoman-Umhang ;)