Die Magie der Zehenspitzen

"Für mich ist Yoga leider nix, weil ich komm ja nicht mal mit meinen Fingern zu meinen Zehenspitzen..." – diesen oder so ähnliche Sätze höre ich immer wieder. Und das ist wirklich schade. Nicht, weil ohne Finger-Zehen-Kontakt der Weg zur Erleuchtung leider für immer versperrt bleibt. ;)
Sondern, weil es ein weiterverbreiteter Irrtum ist, dass es auf der Yogamatte vor allem um Beweglichkeit geht.

 

Stabil und leicht

Bücher und Artikel zum Thema Yoga werden gerne mit kunstvoll verbrezelten Menschen dekoriert. Und ja, schöne Körper in avancierten Asanas lassen auch mich manchmal die Luft ehrfürchtig anhalten. Gottseidank, denn es wäre schade, wenn ich irgendwann das Staunen über den Menschen verlernen würde...

 

Als Lehrerin ist es mir aber wichtig, immer wieder zu betonen, dass es im Yoga nicht darum geht, irgendwann den eigenen Unterschenkel als Kopfkissen verwenden zu können. Und dass Beweglichkeit keine Voraussetzung dafür ist, in den Yogaunterricht zu kommen. (Viel wichtiger wäre übrigens, dass man Neugier mitbringt.)

 

Wer nicht sicher ist, ob er mir in dieser Sache glauben soll, der möge im Yogasutra nachlesen. Dort steht nicht: Asana sollten möglichst schwierig und akrobatisch sein. Sondern darin liest man: "Asana sollen gleichermaßen die Qualität Stabilität und Leichtigkeit haben."*

 

Das heisst nicht, dass wir im Yoga nicht unsere Flexbilität – im Körper wie im Kopf – erhöhen. Aber genau wie ein Baum können wir uns nur (gesund) in alle Richtungen strecken und wachsen, wenn wir über eine gute Basis und stabile Mitte verfügen. Sonst verliert man im Wald, auf der Matte und im Leben schnell die Balance. Dehnen und öffnen ist also genauso wichtig wie zentrieren und stabilisieren.

 

Ausgangspunkt: jetzt & hier

Auf der Matte geht es immer wieder darum, gut hinzuspüren, was Körper, Geist und Seele jetzt gerade brauchen. In den verschiedenen Asanas entdecken wir ohne Wertung, wo uns etwas Flexibilität gut tun könnte und an welchen Stellen wir mehr Halt brauchen. Und dabei geht es immer um ganz individuelle Bedürfnisse und Möglichkeiten. Da wo man jetzt gerade steht, das ist der Ausgangspunkt.

 

Wer ohnehin schon sehr beweglich ist, der kann sich mit kräftigenden, rückenstärkenden Asanas stabilisieren. Wer in manchen Bereichen zur Erstarrung neigt, der darf und soll den Fokus ruhig auf Öffnung und Beweglichkeit legen. Übrigens spielen hier nicht nur körperliche Aspekte eine Rolle: Auch jenen Menschen, denen ein hektischer Berufsalltag viel Flexibilität abverlangt, tut eine zentrierende Praxis eher gut als noch mehr Mobil-machung.

 

Meine Aufgabe sehe ich darin, beim Suchen und Finden von dem, was uns gut tut, behilflich zu sein. Auf den Weg machen darf sich in meinem Unterricht aber jeder. Auch jene, deren Finger lieber Kniescheiben küssen als Zehenspitzen.

 

 

* Übersetzung von T.K.V. Desikachar - "Über Freiheit und Meditation - das Yoga Sutra des Patanjali"

 

 

Foto: © nito - Fotolia.com

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Birgit Feliz Carrasco (Samstag, 22 März 2014 18:42)

    Liebe Melanie,
    ein sehr schoener Text und wundervolle Interpretation eines Patanjali-Sutra. Leider greift der akrobatischen Anspruch und die Yoga-Ego-Manie zunehmend um sich, gaukelt den Menschen vor, nur wer sich gaaaanz doll verbiegen kann, gehoert zum Club der Yoga-Welt. Der neueste Unsinnstrend ist VOGA - eine Verbindung zwischen VOGUEGING (taenzerische Selbstdarstellung aus den 1980zigern) und YOGA mit rhythmischer 80ties Musik. Einkehr und Entschleunigung bleiben da voellig auf der Strecke. LASS UNS WEITER WAHRES YOGA LEHREN - den wahren Weg der Selbsterkenntnis und Bewusstheitsenrwicklung unter Einbeziehung des Koepers. LOVE AND LIGHT, BIRGIT

  • #2

    Laya Kirsten (Samstag, 22 März 2014 21:35)

    Ankommen und Aufatmen statt Akrobatik. Bewusstheit und Begegnung mit sich selbst statt Brezelei. Danke für's Erinnern, liebe Melanie!